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Mainstream-Medien marginalisieren

Behind the Mask versteht sich als eine Kommunikationsinitiative zu Lesbi-Schwulen, Transgender und Intersex Themen auf dem afrikanischen Kontinent und existiert seit zehn Jahren. Ihre Mission: Negative Einstellungen gegenüber Homosexualität und gleichgeschlechtlichen Traditionen auf dem afrikanischen Kontinent zu verändern. Ihr Mittel: unabhängiger, journalistischer Aktivismus.

Im Büro in Johannesburg sind sieben Personen fest angestellt. Aktuell genießen zwei Volontär_innen dort ein Monatsstipendium. Auf der Website versammeln sich tagesaktuelle Nachrichten, länderspezifische Informationen und Erläuterungen zur Gesetzgebung gegenüber Homosexualität, Hintergrunddossiers zu HIV/AIDS und Themen der Gesundheitsversorgung, der Situation von Frauen und Menschenrechten genauso wie Veranstaltungsankündigungen. Pro Monat verzeichnet die Seite 25.000 so genannte page visits. Ein Interview mit der Leiterin von Behind the Mask, Thuli Madi.

“Im ganzen Land ist ein vorsichtiger Optimismus zu verspüren.“ Das steht auf der offiziellen Website der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2010, deren Gastgeber Südafrika ist. Sind Sie auch vorsichtig optimistisch?
Thuli Madi: Für unser Land ist das ein historisches Ereignis. Auf dem afrikanischen Kontinent sind wir das erste Land, das Gastgeber einer Fußball-Weltmeisterschaft ist. Für uns als Bürger_innen ist das eine große Sache und wir sind ebenso glücklich wie stolz.

Südafrika ist der erste Staat der Welt gewesen, dessen Verfassung explizit die Diskriminierung auf der Basis sexueller Orientierung verbietet. Aber einige Kritiker_innen weisen darauf hin, dass formelle Rechte in Südafrika nur ein weiteres weißes, männliches, Mittelklasse-Projekt sind. Privilegien kämen nur einer Minderheit zugute, während die Rechte für eine Mehrheit nur auf dem Papier existierten.
Dem stimme ich nicht zu. Alle races homosexueller Menschen in Südafrika sind mit der Verfassung glücklich, die gleichgeschlechtliche Beziehungen anerkennt. Aber wir sind total unglücklich über die Situation, dass Dienstleister wie die Polizei und Personen im Gesundheitsbereich nicht dazu ausgebildet worden sind, wie sie unsere Rechte vor homophoben, gewalttätigen Akten schützen. Und deswegen sind die erkämpften Rechte überhaupt nicht von Vorteil. Wir sind absolut enttäuscht darüber, dass der Staat diesen Basisbedarf nicht abdeckt. Gleichgeschlechtliche Verpartnerungen werden eher von weißen homosexuellen Personen als Priorität gesehen als von deren Schwarzen Gegenüber. Die haben einen anderen dringenden Bedarf zum Beispiel in Bezug auf Armut und Arbeitslosigkeit. Das bedeutet allerdings nicht, dass Schwarze homosexuelle Menschen nicht das Recht genießen, zu heiraten und Familien zu gründen, das tun sie nämlich.

Vor zehn Jahren habt Ihr „Behind the Mask“ gegründet. Was bedeutet Euer Name?
Der Gründer unserer Organisation, Bart Luirink, ein niederländischer Journalist hat es ausgewählt, um Menschen zu beschreiben, die eine Lüge leben – zumindest was ihre sexuelle Orientierung angeht. Als er in den späten 1990er Jahren durch verschiedene Gegenden des afrikanischen Kontinents reiste, traf er viele homosexuelle Menschen, die ein heterosexuelles Leben lebten. Aus Angst schikaniert zu werden, wenn sie ihre sexuelle Orientierung offen legten. Homosexualität wird in vielen Regionen des afrikanischen Kontinents immer noch als unAfrikanisch und westliches Konzept angesehen.

Unabhängigen journalistischen Aktivismus seht Ihr als eines Eurer Kampagneninstrumente an.
Das beinhaltet die journalistische Berichterstattung über Nachrichten und Ereignisse, die LGBTI Personen auf dem Kontinent betreffen. Unser Team aus organisationsinternen Journalist_innen ist für die Berichterstattung dieser Nachrichten verantwortlich, genauso wie unsere ausgebildeten Korrespondenten in verschiedenen Regionen Afrikas. Sie sind die Augen und Ohren von Behind the Mask, weil wir nicht überall auf dem Kontinent präsent sein können. Diese Ausbildung ist Teil unseres journalistischen Ausbildungsprojekts, in dessen Rahmen wir aktive LGBTI Personen in verschiedenen Ländern ausfindig machen. Dann bringen wir ihnen Grundlagen des journalistischen Handwerks bei, so dass sie über die Ereignisse berichten können, die ihr tägliches Leben ausmachen.

Ereignisse, die in den etablierten Nachrichten nicht auftauchen?
Mainstream Medien haben LGBTI Personen bisher marginalisiert. Über ihre Nachrichten wurde überhaupt nicht berichtet. Das wenige, was berichtet wurde, hat sich hauptsächlich auf Skandale konzentriert und die LGBTI Community meistens misrepräsentiert. Deswegen haben wir in letzter Zeit damit angefangen, ganz gewöhnliche Mitglieder der Gesellschaft, meistens LGBTI Personen, als Bürger_innenjournalisten (citizen journalists) auszubilden. Damit sie befähigt werden, Geschichten öffentlich zu machen, die LGBTI Personen in den jeweiligen Regionen Südafrikas betreffen. Und damit sie die Vorteile der neuen Medien nutzen, um sich Gehör zu verschaffen. Diese Ausbildung gewöhnlicher Bürger_innen ist ein Teil unseres Projekts Bürgerjournalismus in Afrika.

Was ist Ziel Eurer Nachrichten?
Zu informieren, weiterzubilden, das Bewusstsein zu schärfen und Autoritäten in die Verantwortung zu nehmen, was die Frage nach LGBTI Rechten angeht. Je informierter Menschen sind, umso eher werden sie ermächtigt, fundierte Entscheidungen zu treffen, wie sie sich LGBTI Menschen gegenüber verhalten sollen. So haben sie gelernt, dass LGBTI Personen keine Monster sondern Menschen sind, wie alle andere auch. Außerdem glauben wir, unsere unablässigen Forderungen nach Kommentaren von politischen Entscheidungsträgern und anderen Autoritäten tragen dazu bei, das Bewusstsein zu schärfen, was sich hoffentlich auf Veränderungen in der Politik auswirkt.

Demontieren oder propagieren Mainstream-Medien auf dem afrikanischen Kontinent den Mythos „Homosexualität ist unAfrikanisch“?
In den meisten Ländern gehören die Medienhäuser dem Staat. Da Homosexualität in diesen Ländern illegal ist, sind institutionalisierte Medien eher abgeneigt über LGBTI Nachrichten zu berichten. Außer in den Fällen, in denen sie Homosexualität als unAfrikanisch, unmoralisch oder gottlos porträtieren. Außerdem ist es schwer zu sagen, welche Rolle die Medien spielen. Oft sind Journalist_innen leere Hülsen, die nur darüber berichten, was gesagt wurde ohne ihre eigene Meinung kund zu tun. Südafrika ist eine Ausnahme. Hier entwickeln sich die Medien langsam dahin, fair über LGBTI Themen zu berichten. Nichtsdestotrotz machen die Medien in Ländern wie Uganda weiter, LGBTI Personen durch Hassbotschaften (hate speech) zu drangsalieren. Das schlimmste Beispiel ist Ugandas Boulevardzeitung „The Red Pepper“. Dort werden jährlich die Namen, Adressen und Telefonnummern von Personen veröffentlicht, die als LGBTI verdächtigt werden. Das setzt die Individuen der Gefahr aus, Opfer von Gewalt durch homophobe Mitglieder der Gesellschaft zu werden und richtet eine Stimatisierung an.

Das naming and shaming ist staatlich abgesichert?
Meiner Meinung nach ist es Zeit, die Mediengesetzgebung zu überdenken. Denn im Fall von „The Red Pepper“ ist das naming and shaming von LGBTI Personen kein Unrecht. Paragraf 7.2. des journalistischen Ethikkodexes des Unabhängigen Medienrats Ugandas besagt: „Veröffentlichungen über das private Leben von Individuen, ohne ihre Zustimmung, sind nicht zulässig. Außer dort, wo das öffentliche Interesse das Recht auf Privatsphäre außer Kraft setzt.“ Das ist in vielen anderen Ländern der Fall, weil die Mediengesetzgebung universal ist.

Was setzt Ihr dieser Berichterstattung entgegen?
Die Neuen Medien haben viel dazu beigetragen, den Stimmen der Minderheiten Gehör zu verschaffen. Für diese Stimmen sind Websites, Blogs und soziale Netzwerke wichtige Plattformen. Mithilfe der neuen Medieninstrumente können wir die unterschiedlichen Seiten in der Erzählung über Homosexualität aufzeigen, Homophobie anprangern. Und Missverständnisse aus dem Weg räumen: denn Lesbe zu sein, lässt eine nicht weniger Frau sein und ein schwuler Mann zu sein, lässt einen nicht weniger Mann sein. Mitbestimmung prägt die Neuen Medien. So können andere aus der Gesellschaft ihren Beitrag zu den Themen beisteuern, die sie betreffen. Das ist in den traditionellen Medien nicht passiert. Die haben nur Ideen ausgeteilt. Gewöhnliche Menschen hatten nur geringe Möglichkeiten ihre Meinung zu äußern.

Homosexualität wird oft als Bedrohung einer Nation angesehen: ihrer Intaktheit, ihrer Familien und religiösen Werte. Wie stark werden anti-homosexuelle Stimmungen in einem nationalistischen Diskurs post-kolonialer Staaten auf dem afrikanischen Kontinent mobilisiert?
Momentan können wir einen Anstieg religiöser Fundamentalisten beobachten. Die laufen Sturm, wenn es um die Frage der Homosexualität geht. Das entwickelt sich in den meisten afrikanischen Staaten, wie zum Beispiel Uganda, Kenia und Sambia als Trend. Dazu gibt es auf unserer Website etliche Artikel. Viele Präsidenten haben hasserfüllte Bemerkungen über homosexuelle Handlungen gemacht und darüber wie strafwürdig sie seien. Ein gleichgeschlechtliches Paar ist in Malawi verhaftet worden, weil sie in ihrem Dorf eine Verlobungszeremonie abgehalten haben. Dann sind sie zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Schließlich unterlag der Präsident dem Druck internationaler Menschenrechtsstrukturen sie freizulassen, weil ihre Verhaftung ihr Menschenrecht verletzt hat. Ende Mai ist die Polizei in das Büro der Gay and Lesbians of Zimbabwe (GALZ) eingebrochen – in der Hoffnung dort Drogen und Pornografie zu finden. Zwei Mitglieder sind verhaftet und die Computer beschlagnahmt worden, obwohl keine Drogen gefunden wurden. Es existiert der starke Verdacht, dass das ein Akt von Homophobie in reinster Form in Zimbabwe ist.

Beziehungen zwischen Männern sind in 36 afrikanischen Staaten illegal, legal in 17, in 2 Ländern ist der legale Status nicht bekannt. Südafrika ist mit seiner Verfassung eine Ausnahme. Was sind Deiner Meinung nach die Prioritäten auf einer LGBTI Agenda auf dem afrikanischen Kontinent?
Zu diesem Zeitpunkt sind den meisten legale Reformen durch den Prozess der Afrikanischen Kommission am wichtigsten.

Während homosexuelle Aktivisten und Aktivistinnen zu Beginn der 1990er Jahre an der Speerspitze der HIV/AIDS Bewegung waren, besonders die Treatment Action Campaign (TAC), wirkt die AIDS Erziehung in Südafrika heute fast dehomosexualisiert. Euer Büro hat sich bestimmten Politiken verschrieben, die den Zugang zu nicht-diskriminierender Gesundheitsversorgung erlauben. Aber ist HIV/AIDS heute noch ein dringendes Thema auf der LGBTI Agenda?
Das ist es immer noch. Viele Homosexuelle aller Herkünfte werden weiterhin infiziert und HIV bestimmt ihren Alltag. Erst wenn es eine Heilung für diese Krankheit gibt, wird sie aufhören eine Priorität zu sein.

Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft?
Im Lotto zu gewinnen. O.k., das war ein Scherz. Neben vielem, dass Menschenrechte, Würde und Respekt nicht nur homosexuellen Menschen sondern allen gewährt werden – als Menschen sollten wir lernen unsere Unterschiede begeistert anzunehmen, einander zu lieben und in Frieden zu leben. Diese Welt, so gestaltet, wäre ein besserer Ort.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Nina Schulz

Veröffentlichungen:

Interview Mainstreammedien marginalisieren, analyse&kritik, 18.06.2010, S.28