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Die grenzenlose Tragödie

„Flüchtlinge sind die Botschafter globaler Ungerechtigkeiten“ findet der italienische Journalist Gabriele del Grande. Ihre Tragödie im Mittelmeer beschreibt er seinem Buch „Mamadous Fahrt in den Tod“. Interview mit Gabriele del Grande.

Was hat Sie veranlasst, monatelang den Routen von Flüchtlingen durch Marokko, Mauretanien, Mali, Tunesien, und den Senegal bis in die Türkei zu folgen?
Gabriele del Grande: Für eine Presseagentur recherchierte ich Opferzahlen von Migranten im Mittelmeer. Die Arbeit fand kein Ende. Und die Zahlen zeigten: Vor der Haustür Europas spielt sich eine Tragödie ab. Und niemand spricht darüber. Deswegen initiierte ich die Website Fortress Europe, um die offiziellen Zahlen zu dokumentieren. Aber es geht nicht um Zahlen: Es geht um die Geschichten von Menschen und die Konsequenzen europäischer Migrationspolitiken. Ich wollte namenlosen Flüchtlingen ein Gesicht geben. Ein Verleger ermöglichte mir dann auf die andere Seite des Mittelmeers zu reisen.

Wen trafen Sie?
Menschen, die ihre Verwandten verloren haben. Menschen, die geflohen und in Europa angekommen sind. Und Menschen, die Zeugen von Menschenrechtsverletzungen wurden. Das Buch handelt von ihren Geschichten. Alle Menschen, die mit dem Boot ankommen, sind Botschafter globaler Ungerechtigkeiten. Gleichzeitig sind mehr als 12.500 Migranten und Flüchtlinge in den letzten zwanzig Jahren im Mittelmeer ertrunken. Die Frage ist: Wer ist dafür verantwortlich? Wir sprechen von einem Massaker, einem Verbrechen.

„Zu bleiben wäre ein langsamer Selbstmord“, sagte Ihnen ein junger Mann in Casablanca. Welchen Risiken sind Flüchtlinge ausgesetzt?
Das kommt auf ihr Herkunftsland an. Einige Flüchtlinge überqueren das Meer, um ihr Leben zu retten. Andere um überhaupt eine Zukunft zu haben. Jeder Mensch hat das Recht zu träumen. Aber wenn ich einen Traum habe, zeige ich meinen Pass und überquere Grenzen. Wenn du einen marokkanischen Pass hast und nicht reich bist, kannst du das vergessen. Die Distanz über das Mittelmeer ist geographisch gering. Aber: Im Norden verdienst du 1000€ im Monat, im Süden 100. Im Norden gibt es Demokratien, im Süden Diktaturen. Europäische Politiken unterstützen diese Diktaturen. Es gibt einen objektiven Druck zu migrieren. Und ein Patroullieschiff im Mittelmeer wird die Migration nicht stoppen.

Die Tausenden von Toten sind als „Nebenwirkungen eines von Europa einseitig gegen Migranten erklärten Krieges“ bezeichnet worden.
In den letzten Jahren sind die Zahlen der Ankommenden gesunken und die Zahlen der Opfer gestiegen. Die Routen der Migration verändern sich, werden länger und gefährlicher. Das ist eine Konsequenz der schärferen Grenzkontrollen. Dann steuern Flüchtlinge ihre Boote selbst, ohne jegliche Erfahrung. Und Fischer retten Migranten in Seenot nicht mehr, weil sie dann wegen Menschenhandels angezeigt werden. Aber internationales Seerecht verpflichtet dazu, Menschen zu retten. Das Mittelmeer entwickelt sich zum Massengrab.

Seit dem 11. September wird Migration zunehmend mit Terrorismus gleichgesetzt.
In den offiziellen Dokumenten der EU werden die Bekämpfung des Terrorismus und die Bekämpfung der Migration in einem Atemzug genannt. Migranten gelten als Sicherheitsbedrohung. Aber mehr als die Hälfte der Menschen, die über das Mittelmeer kommen, sind politische Flüchtlinge.

Was ist mit dem Recht auf Asyl?
In der Theorie existiert es. In der Praxis nicht, weil die Menschen nicht ankommen können. So sinken die Asylanträge von Jahr zu Jahr. Zehntausende sind in unsicheren Ländern wie Libyen und Marokko gefangen. Europa will sie von Europa fernhalten. Die Europäische Grenzschutzagentur Frontex sieht nur illegale Migranten.

Dabei leben sie längst unter uns.
In Europa leben mehr als sechs Million Menschen ohne Papiere. Das ist eine wichtige Minderheit ohne Zugang zu Rechten, zu legaler Arbeit, zur Gesundheitsversorgung, ohne Staatsbürgerschaft. Sie können weder ihre Familien nach Europa bringen noch in ihre Herkunftsländer zurück. Europa braucht ihre Arbeitskraft aber gibt ihnen keine Rechte.

Henning Mankell bezeichnet die italienische Insel Lampedusa als die „Hauptstadt Europas“ wo jeden Morgen tote afrikanische Flüchtlinge an Land treiben. „Da zeigt sich das wahre, unmenschliche Gesicht dieses privilegierten Kontinents.“
Europa hat unterschiedliche Gesichter. Lampedusa ist ein Schandfleck. Tausende Menschen des globalen Südens sterben und es interessiert Niemanden. Wenn nur zehn italienische Bürger im Meer sterben würden, wäre das ein internationales Problem. Das andere Gesicht Europas sind die Menschen mit Asyl oder einer Staatsbürgerschaft, die arbeiten können und versuchen, die Situation zu verbessern. Der wahre Schandfleck Europas sind seine Grenzen.

Dennoch scheint eine Autonomie der Migration zu existieren.
Europa zerschmettert Träume, wenn es Menschen gelingt anzukommen. Aber sie brechen auf. Da sie illegal reisen, ist es ein Kampf für die Freizügigkeit, für die Bewegungsfreiheit. Ihr wollt nicht, dass ich komme, aber ich mache mich auf den Weg. Das ist der Punkt. Mit einem europäischen Pass kann man fast überall hinreisen. Von Italien nach Tunesien bezahle ich 47€ und muss nur meinen Perso zeigen. Ein Tunesier, der nach Italien möchte, muss 2000$ bezahlen und sein Leben auf offener See riskieren. Da läuft was falsch.

Gibt es Anlass für Optimismus?
Im Italienischen gibt es eine Redewendung: Mein Geist ist pessimistisch, aber mein Herz ist optimistisch. Auch wenn es nicht danach aussieht. Es gibt eine Bewegung von Menschen in ganz Europa, die mit allen Kräften versuchen, Etwas zu verändern. Es ist nicht normal, dass Tausende einfach sterben. Paradox an dem Buch ist, dass es von der Gegenwart handelt. Wenn man von Tragödien spricht, spricht man von der Vergangenheit. Wie war das möglich, warum hat Niemand etwas getan? Aber das hier ist eine Tragödie der Gegenwart, sie passiert jetzt gerade. In diesem Moment stirbt jemand an einer der Grenzen. Wir müssen das stoppen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Nina Schulz

Mehr Infos unter: http://fortresseurope.blogspot.com/

Veröffentlichungen:

Interview Die grenzenlose Tragödie, greenpeace magazin, 5/08, S.14