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“Abu-Ghraib steht für die gesamte Genealogie der CIA-Folterpraxen”

Als der US-amerikanische Fernsehsender CBS im April 2004 die ersten Fotografien des Abu-Ghraib-Folterskandals übertrug, rief das eine Reihe von Reaktionen hervor. Die weltweite Öffentlichkeit war entsetzt, der ehemalige Verteidigungsminister der USA, Donald Rumsfeld, bemühte sich, es als Misshandlungen „einiger weniger US-Militärs“ darzustellen und Prof. Dr. Alfred McCoy sah darin „die verräterischen Anzeichen der psychologischen CIA-Methoden.“ Ein Interview mit Prof. Dr. Alfred Mc Coy.

Der renommierte Geschichtsprofessor der University of Wisconsin in Madison, der bereits Anfang der 1970er mit seinem Buch zu den Verwicklungen der CIA in den weltweiten Drogenhandel für Furore gesorgt hatte, ließ alle seine Projekte ruhen und widmete sich der intensiven Analyse von CIA-Folterpraxen. Sein Fazit: „Die Fotos zeigen, dass die Misshandlungen nicht die Arbeit einiger recycelter Hinterwäldler bei ihrer Nachtschicht in Abu-Ghraib waren. Stattdessen sind sie das Produkt einer mehr als fünfzigjährigen Geschichte, die bis in die dunkelsten Nischen des Kalten Krieges reicht und Entscheidungen widerspiegelt, die auf höchster Ebene in Washington getroffen wurden.“

„Rumsfeld hat explizit die Folter von Inhaftierten in Abu Ghraib erlaubt“, behauptet die ehemalige Brigadegeneralin und Kommandeurin der Militärpolizei im Irak, Janis Karpinski. Im Mai 2004 fand der Armeegeneral, der den Skandal untersucht hat, angeblich keine Beweise oder direkten Befehle, die eine Misshandlung durch US-amerikanische Aufseher authorisiert hätten. Überrascht Sie Karpinskis Zeugenaussage?
Prof. Dr. Alfred McCoy: Trotz anhaltender Dementi des Pentagon ist die Beweislage klar: General Ricardo Sanchez hat im September 2003 Befehle für Verhörmethoden gegeben, die im Rahmen der UN-Anti-Folter-Konvention Folter sind und gegen internationale Gesetzgebung und Regeln des Standardverhörhandbuchs der US-Armee verstoßen.

Das bekannteste Foto des Abu-Ghraib Gefängnisskandals zeigt einen Gefangenen, dessen Kopf verhüllt ist und der mit ausgestreckten Armen, an denen elektrische Drähte befestigt sind, auf einer Box steht. Warum repräsentiert das Foto für Sie „die gesamte Genealogie von CIA-Praxen?
Als der Fernsehsender CBS das symbolträchtigste Bild von Abu Ghraib übertragen hat, erkannte ich – nachdem ich fast 20 Jahre lang Foltertechniken des philippinischen Militärs analysiert hatte – die verräterischen Anzeichen der zwei fundamentalen CIA-Doktrinen für psychologische Folter: Die ausgestreckten Arme des Mannes für selbstzugefügte Schmerzen und die Vermummung für sensorische Deprivation. Diese Grundmethoden entwickelten Verhaltenswissenschaftler während des Kalten Krieges, als sie für die CIA und verbündete kanadische und britische Agenturen arbeiteten.

Karpinski behauptete auch, ein Memorandum mit Rumsfelds Unterschrift gesehen zu haben, das die Anwendung von Techniken wie Schlafentzug, langes Stehen und Musikbeschallung gestattet. In der gleichen Handschrift war an dem Absatz vermerkt „Stellen Sie sicher, dass dies umgesetzt wird!“ Sie charakterisieren diese Methoden als „berührungslose Folter.“ Ist das mittlerweile eine bevorzugte Folterform der CIA?
In einem gewissen Umfang, den wir niemals bestimmen werden können, hat die CIA seit dem Kalten Krieg sowohl physische als auch psychologische Folter angewandt: Physische Methoden indirekt durch verbündete Dienste, entweder mit inländischer Kooperation oder mit „extraordinary rendition“ 1 und psychologische in ihren eigenen Einrichtungen. Zu Beginn des Kalten Krieges, während der 1950er Jahre, hat die CIA in ihrem Bestreben – neben anderen Dingen – effektivere Verhörtechniken aufzuspüren, ein massives Forschungsvorhaben in Angriff genommen, um die menschliche Psyche zu erkunden. In den Forschungen, deren Kosten zu Spitzenzeiten in den späten 1950ern eine Milliarde US-Dollar jährlich betrugen, fand man heraus, dass Methoden wie Drogen oder Hypnose nicht funktionierten. Einfache Methoden schienen hingegen produktiv zu sein. Im selben Jahr, als diese psychologischen Methoden im Kubark-Verhörhandbuch zusammengestellt wurden, arbeitete die CIA mit der südvietnamesischen Polizei und dem Militär zusammen. Die wandten brutale körperliche Methoden an, um die Vietkong Guerilla zu entwurzeln. Die Anwendung beider Techniken, also physischer und psychischer Folter, dauert nunmehr seit 40 Jahren an.

Der Titel des CIA-Forschungsprogramms, das von 1952 bis 1962 lief, lautete “Cracking the Code of human consciousness” 2. Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?
Erstens haben sich die Ängste und Fantasien des Dienstes und Washingtons über die Möglichkeiten in der Terra Incognita der menschlichen Psyche im CIA-Projekt zur Bewusstseinskontrolle als unhaltbar erwiesen. Zum Beispiel musste die Agentur lernen, dass man Auftragskiller nicht programmieren oder Menschen so re-programmieren kann, dass sie gegen ihre Grundwerte handeln. Eine weitere Erkenntnis war, dass psychotropische Drogen (LSD und Meskalin), Hypnose und Elektroschocks nicht funktionieren. Aber Forschungen in der banalen Verhaltenswissenschaft, die an die führenden Universitäten der USA und Kanadas outgesourct wurden, entdeckten, dass ein paar einfache Methoden überraschend tiefgreifende Auswirkungen auf die menschliche Psyche hatten. Im Auftrag des Canadian Defense Research Board fand Dr. Donald O. Hebb von der McGill University Folgendes heraus: Indem studentischen Probanden durch Schutzbrillen, Handschuhe und Ohrenschützer für 24 bis 48 Stunden jede sensorische Stimulation versagt wurde, rief das zuerst starke Halluzinationen und später einen psychoseähnlichen Zustand hervor.

Washington hat 1994 die UN-Anti-Folter-Konvention ratifiziert, die das Zufügen von schwerwiegenden psychischen und physischen Schmerzen verbietet und sich dabei vier diplomatische Einschränkungen vorbehalten. „Schwerwiegende psychische Schmerzen“ werden als Injektion von Drogen, Todesdrohungen, Drohungen gegen einander und extreme physische Schmerzen definiert. In der Sektion 2340 der US Bundesgesetzgebung und dem Kriegsverbrechensgesetz von 1996 ist es als innerstaatliche Gesetzgebung umgesetzt. Dennoch existiert in dem Gesetz ein Schlupfloch: Die Foltermethoden der CIA sind ausgenommen. Als „eine politische Landmine, die bereit war, zehn Jahre später mit so gewaltiger Kraft im Abu Ghraib Skandal zu detonieren“, haben Sie den Widerspruch charakterisiert.
Mit der Ratifizierung der UN-Anti-Folter-Konvention, hat Washington den Vertrag in Wirklichkeit in der Mitte durchgeteilt. Physische Methoden verbannt, die die CIA nie direkt angewandt hat, aber sich selbst von den psychologischen Verengungen der Konvention ausgenommen. Sprich, den andauernden Gebrauch der psychologischen Methoden erlaubt, die der Dienst in den vergangenen dreißig Jahre entwickelt hat. Im Rahmen der begleitenden innerstaatlichen Gesetzgebung, Sektion 2340, legten die USA ein höchst beschränkte Definition dessen fest, was psychologische Folter ausmacht. Durch diese legale Taschenspielerei erlauben sie der CIA, alle ihre psychologischen Techniken weiter anzuwenden, weil keine davon verboten wurde.

Sie beschreiben Guantánamo als ein „ad hoc Verhaltenslabor“, dass das CIA-Folter-Paradigma perfektioniert hat. Inwiefern?
Jenseits der sensorischen Rezeptoren, die in jedem Menschen gefunden werden, haben Gitmo-Befrager 3 Möglichkeiten erkundet, wie eine arabische kulturelle Identität angegriffen werden kann: durch eine Sensibilität gegenüber Gender, Sexualität und „Gegenständen“ wie Hunden. Personell mit militärischen Psychologen versorgt, verminten Gitmos verhaltenswissenschaftliche Beratungsteams, medizinische Akten von Gefangenen und führten Beobachtungen durch, um individuelle Ängste und Phobien aufzudecken. Durch diesen drei-Phasen-Angriff – sensorische Rezeptoren, kulturelle Identität und individuelle Psyche – perfektionierte Guantánamo das CIA-Paradigma für psychologische Folter und spitzte es gegenüber früheren Methoden zu. Die Entdeckungen in Guantánamo haben die Möglichkeit für einen potentiell verheerenden Angriff auf die menschliche Psyche geschaffen.

Sie charakterisieren das CIA Foltersystem an Orten wie Abu Ghraib, Guantánamo, Bagram 4 und anderen Schauplätzen als einen „globalen Gulag“, in dem Konzepte nationaler Souveränität hinfällig werden. Ist das wirklich ein neueres Phänomen?
Ja, das ist eine überraschend neue Veränderung: Eine der Erfindungen in CIA-Foltermethoden im Rahmen des Krieges gegen den Terror. Während des Kalten Krieges hat die CIA Verhöre durch alliierte anti-kommunistische Staaten durchführen lassen, ihre Offiziere trainiert und die Verhöre in deren Gefängnissen überwacht. Sogar das massive Phoenix Programm 5, also der Aufwand der CIA, Geheimdienste für die Ausrottung der klandestinen Vietkong Infrastruktur aufzubauen, war nur dem Namen nach ein südvietnamesisches Programm. Aber Anfang 2002 gab Präsident Bush der CIA die Erlaubnis, eigene Haftanstalten zu betreiben, folglich die acht vermuteten sogenannten „black sites“ 6 des Dienstes, die von Thailand bis Polen in Betrieb waren.

Im Rahmen der extraordinary renditions, die die CIA für „harte physische Verhörtechniken“ nutzt und einem Outsourcing von Folter an privatisierte Militärfirmen und Geheimdienste anderer Länder, wie charakterisieren Sie die internationale Kooperation zwischen den Geheimdiensten?
Im Krieg gegen den Terror hat die CIA ihr geheimes Kaltes-Krieg-Netzwerk von verbündeten Sicherheitsdiensten, das die gesamte eurasische Landmasse umspannt, wiederbelebt, um ein informelles Netzwerk zu kreieren, dass jenseits der Mitwisserschaft oder Kontrolle der beteiligten souveränen Staaten operiert. Mit der extraordinary rendition und verbündeten Kooperation, konnte der Dienst einen unglücklichen Verdächtigen von den Strassen Mailands oder Stockholms pflücken. Und ihn so in einem transnationalen Äther jenseits gerichtlicher Verfügungen frei schweben lassen, das globale Regime der Menschenrechte annullierend, das auch heute noch, in traditionellen, territorialen Konzepten der Rechtssprechung verankert bleibt.

Welche Rolle spielt Folter Ihrer Meinung nach heute in Gesellschaften?
Wenn Sie Folter als die Art von Dingen definieren, die in Guantánamo oder den sogenannten black sites der CIA angewandt werden, schließt sie einige tausend Opfer ein, aber sie hat einen symbolischen Effekt, sowohl für die Menschen in den USA als auch für die internationale Community. Wenn Sie Folter etwas ausgedehnter definieren, so dass sie auch lange Isolationshaft mit einschließt, eine Meinung die der US Supreme Court 1890 in seiner “In Re Medley”-Entscheidung 7 vertrat, dann ist sie viel durchdringender und erstreckt sich auf jedes Supermax-Gefängnis in den USA.
Jede Person, die die Fotos des Terrorverdächtigen Jose Padilla gesehen hat, der aus seiner Zelle in einem Gefängnisbau in Süd-Carolina heraustritt, schwach wie ein menschliches Gemüse, weiß, dass Isolation die menschliche Psyche mit Sicherheit genauso zerstört wie die brutalsten physischen Methoden. Deswegen ist das eine Form der unmenschlichen Behandlung. Aber während des Kalten Krieges und jetzt im Krieg gegen den Terror, ist die Gesellschaft Menschenrechtsthemen gegenüber so desensibilisiert, dass wir nicht länger dazu imstande sind zu sehen, dass langandauernde Isolationshaft eine grauenvolle und unübliche Bestrafung darstellt.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Nina Schulz

Alfred Mc Coy: Foltern und Foltern lassen, 50 Jahre Folter-Forschung und –Praxis von CIA und US-Militär. Zweitausendeins, 258 Seiten, 14,90 Euro
ebenfalls erschienen: Die CIA und das Heroin, Weltpolitik durch Drogenhandel, Zweitausendeins, 840 Seiten, 9,90 Euro

Anmerkungen:

1 „Extraordinary rendition“ bedeutet übersetzt „außerordentliche Überstellung bzw. Auslieferung“ und bezieht sich auf die Entführungsflüge der CIA, mit denen mutmaßliche Terrorverdächtige geheim nach z.B. Syrien oder Ägypten gebracht wurden, um dort gefoltert zu werden.
2 „Den Code menschlichen Bewusstseins zu knacken“
3 US-amerikanische Abkürzung für Guantánamo Bay
4 US-Stützpunkt bei Kabul, in dem die USA viele der 200 bis 300 hochkarätigen afghanischen Gefangenen in einem Hangar unterbrachten.
5Das Phoenix-Programm stellte den Höhepunkt des CIA-Projekts zur Bewusstseinskontrolle im Vietnam-Krieg dar und führte einen Geheimkrieg innerhalb des Krieges, der auf die Strategie des Gegenterrors setzte. Zu den Operation der Revoltenabwehr gehörten Ausbildungen der Polizei und des militärischen Nachrichtendienstes sowie modernste Folter- und Geheimdiensttechniken.
6 Black site ist ein militärischer Begriff, den die CIA für die Bezeichnung von geheim eingestuften Einrichtungen benutzt. Deren Existenz wurde bis vor kurzem von offizieller Seite bestritten. Im „Krieg gegen den Terror“ bezieht sich der Begriff auf Geheimgefängnisse, in denen die CIA sogenannte feindliche Kombattanten inhaftiert und foltert.
7Der “Ausschluss von menschlichen Zusammenkünften” macht Isolationshaft aus, eine „Strafe entschiedenster und schmerzvollster Art“. In der Entscheidung beschrieb das Supreme Court außerdem, dass Isolationshaft zu schwerwiegenden psychischen Schäden führen kann. In re Medley, 134 U.S. 160, 168, 171 (1890).

Veröffentlichungen:

Interview Abu-Ghraib steht für die gesamte Genealogie der CIA-Folterpraxen, analyse&kritik, 16.02.2007, S.25