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Der andauernde Ausnahmezustand

date_temporary-housing Vor drei Jahren, im März 2011, kam es im Kraftwerk von Fukushima zur atomaren Katastrophe. Die Betroffenen leiden noch heute unter den Auswirkungen.

Drei Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima leben die Betroffenen noch immer im Ausnahmezustand. Allein in der Präfektur Fukushima bekamen 146.520 Menschen einen Evakuierungsbefehl. Zehntausende haben sich »freiwillig« evakuiert. Sie alle – leben über das Land verteilt – in Übergangswohnungen. Sie haben ihre Häuser, ihr Ackerland, ihren Familienzusammenhalt, ihre Communities und ihren Lebensunterhalt verloren. Entschädigungszahlungen gestalten sich willkürlich und gehen nur schleppend voran. Im Januar 2014 bin ich mit Greenpeace Japan durch das Land gereist und habe Betroffene interviewt.

Stadt Kazo, Saitama Präfektur, 70 km nördlich von Tokyo

»Was ich sah, habe ich noch nie vorher in meinem Leben gesehen. Aus dem vierten Stock des Rathauses konnte ich das Meer sehen. In den Wellen waren Bäume und Häuser. Es waren Dinge dort, die nicht dort sein sollten, und Dinge, die dort sein sollten, waren nicht mehr da.« Katsutaka Idogawa sitzt ruhig in seinem Bürostuhl, faltet die Hände und erzählt von dem Tag, der sein Leben für immer verändert hat. Zehn Minuten, bevor der Tsunami die Küstenstraße von Futaba erreichte, fuhr er eben diese Straße entlang. »Wenn ich dort etwas später vorbeigekommen wäre, wäre ich heute nicht hier.« Die Dimension des Desasters hat ihn demütig gemacht. »Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Als Bürgermeister war es meine Verantwortung, die Menschen zu schützen.«

Idogawa ist der ehemalige Bürgermeister von Futaba, Standort der Blöcke 5 und 6 des Fukushima Daiichi Atomkraftwerks. Permanent fragte er TEPCO und die Zentralregierung: »Können Sie garantieren, dass es in den Fukushima Daiichi Reaktoren keinen Unfall geben wird? Sind Sie sicher?« Die Antwort lautete immer gleich: »Ja.« Die offizielle Antwort auf die Atomkatastrophe sah er voraus. »Schon bevor Fukushima passierte, wusste ich, dass die Regierung und TEPCO uns belügen würden.« Am 19. März 2011 evakuierte er die Stadt. Ohne offizielle Rücksprache. Um die Gesundheit der jetzigen und zukünftigen Generationen zu schützen. »Unsere Regierung setzt sich nur für die Atomkraft und die Atomfirmen ein. Uns wird weisgemacht, dass wir die Schuldigen sind. Dabei hat das Desaster unsere bisherige Lebensweise zerstört.« Etwas, das er einen »unverzeihlichen Mord« nennt, weil »wir nicht wissen, wann und wo Radioaktivität uns umbringt.«

Der 67-Jährige bezeichnet es auch als einen Kampf mit der Radioaktivität. »In Japan können einige ohne Radioaktivität leben. Andere nicht. Nach unserer Verfassung ist das nicht gerecht.« Die aktuelle Situation charakterisiert er auch als menschlich erschaffenes Desaster. »Wir sind Flüchtlinge, die innerhalb Japans leben. Wir sind wie vergessene Menschen, die nicht gesehen werden können. Weggeworfene Menschen. Wir können nirgendwo hingehen. Wir brauchen Häuser und Orte. Aber es geschieht nichts.«

Er legt seine Fingerspitzen aneinander, gestikuliert milde, vorsichtig. »Als Community werden wir nicht respektiert. Woanders können sich Opfer an den Wiederaufbaumaßnahmen beteiligen, das ist Teil der Politik. In Japan können wir daran nicht teilnehmen. Die Menschen, die in den kontaminierten Gegenden gelebt haben, sollten entscheiden, was getan werden muss. Und die Bürokraten in Tokyo sollten nicht nur darüber nachdenken, wie sie das Desaster so billig wie möglich beenden können, um die Atomindustrie zu beschützen.«

Die Frage, was er am meisten vermisst, lässt ihn leicht aus der Fassung geraten. Seine Stimme beginnt zu zittern. »Vertrauen vermisse ich am meisten. Das ist zerstört. Die Regierung und TEPCO verletzen uns.« Dann entschuldigt er sich, verlässt den Raum und kehrt kurz darauf zurück. Unter seinem Arm: Eine Holzschachtel, eingewickelt in ein Seidentuch. Die Vorderseite ziert die Kalligraphie seines Familiennamens. Im Inneren, achtsam aufgerollt, der Stammbaum seiner Familie. Aufgezeichnet auf traditionellem japanischen Washi-Papier. Der geht mehrere hundert Jahre zurück. »Das Fukushima-Desaster ist eine Zerstörung unserer Geschichte. Unserer persönlichen Geschichte. Sie kann einfach nicht weitergehen. Aber es geht nicht nur um mich und meine Familie. Es geht um uns alle. Wir sind alle miteinander verbunden.«

Herr Idogawa möchte sich weiterhin mit anderen verbinden und ein neues Futaba erschaffen. Irgendwo anders. »Das könnte eine Stadt der Hoffnung sein. Für Menschen aus der ganzen Welt, die uns besuchen würden. Das wäre unser Geschenk, das wir der Welt zurückgeben könnten.«

Stadt Date, Fukushima Präfektur, 15 km nordöstlich vom Stadtzentrum Fukushimas

Die schnell errichteten Übergangshäuser für die Evakuierten liegen außerhalb von Date. In klar strukturierten, durchnummerierten Reihen. Sie sind aus Holz, eingeschossig, mit Schiebetüren aus Glas. Vor allen Eingängen stehen die weißen Kästen der Klimaanlagen, vor einigen Blumenkästen mit noch spärlicher oder vertrockneter Bepflanzung. Wäsche weht im Wind. Im Hintergrund schneebedeckte Bergkuppen. Kenichi Hasegawa kommt in das kleine Communityzentrum. Unter dem Arm trägt er einen Laptop. Früher zeichnete der ehemalige Milchbauer auf, wann der erste Schnee des Jahres fiel. Hielt das Datum mit Kreide an der Stirnseite seines Kuhstalls fest. Fein säuberlich untereinander. Heute zeichnet er die Veränderungen in seinem einstigen Dorf auf. Mit Fotos und Videoaufnahmen. Die Daten sind durcheinander. Angefangen hat er am 22. April 2011, als Iitate evakuiert wurde. Ein Ende seiner Dokumentation ist nicht in Sicht.

Seine Aufnahmen sind die einzige Kontinuität, die Herr Hasegawa selbst herstellen kann. Er filmt und fotografiert immer vom gleichen Ort aus. »Von da aus kann ich das gesamte Gebiet sehen, wie sich die Häuser und Reisfelder mit den Jahreszeiten verändern.« Er filmt jetzt auch Veranstaltungen in den Übergangshäusern von Date, wo er seit fast drei Jahren mit seiner Frau und ihren Eltern lebt. Zusammen mit 126 von der Atomkatastrophe betroffenen Haushalten. Nur 24 Familien kommen aus Herrn Hasegawas Gegend. Die anderen 30 Familien aus Iitate sind über das Land verstreut.

Der 60-Jährige vermisst es, mit seiner gesamten Familie im selben Haus zusammenzuleben. »Alle Familienmitglieder haben den Tag sechs Uhr morgens zusammen begonnen. Wir kümmerten uns um die Kühe, machten Küchenarbeiten. Meine Familie ist jetzt überall verstreut.« Vier Generationen lebten in dem traditionell japanischen Haus, neben dem Kuhstall und mit Blick auf die Reisfelder und Hügel.

Er hat öffentlich über die überschrittenen Grenzwerte für Radioaktivität gesprochen, die die Autoritäten verheimlichen wollten. Die Zentralregierung schickte »Propaganda-Professoren« nach Iitate, wie Herr Hasegawa sie nennt. Professor Yamashita von der Nagasaki-Universität hielt »Vorträge zur Sicherheit von Radioaktivität«. Er versicherte den Menschen, dass es sicher sei, in Iitate zu bleiben. Zu den Auswirkungen der Radioaktivität auf Kinder befragt, antwortete er nur: »Sie sollten nur eine Stunde draußen spielen.« Und fuhr fort: »Die Regierung sagt das Richtige. Sie müssen ihr glauben. Ich bin Doktor und Wissenschaftler. Sie müssen mir glauben. Dann schloss er mit den Worten: Radioaktivität mag die negativen Menschen. Wenn Sie sich Sorgen machen, wird die Radioaktivität Auswirkungen auf Sie haben.« Das macht Herrn Hasegawa immer noch wütend. »Das ist unverzeihlich. Und jetzt sprechen sie immer noch so.« Herr Hasegawa hatte eine Nachricht für Professor Yamashita, als dieser Fragebögen an Haushalte schickte. »Ich werde nicht Ihr Versuchskaninchen werden«, schrieb er quer über den Bogen und schickte ihn unausgefüllt zurück.

Wie sich die Ereignisse entwickelt haben, hat er in seinen Memoiren »Fukushimas gestohlene Leben« festgehalten. Bedeutsame Momente für den 60-Jährigen: Am 16. März evakuiert er seine Kinder; am 19. März wird seine Milch als »nicht sicher« deklariert; am 16. April wird Iitate als Evakuationsgebiet designiert; am 22. April der Evakuationsbefehl ausgeführt. Grenzwerte sind nicht seine einzige Sorge. Die Strahlenbelastung ist nicht seine einzige Sorge. Es sind die Belastungen insgesamt. »Jetzt sagen sie, das Desaster ist vorbei. Über die Situation der Opfer wird nicht mehr berichtet. Wenn aber über unsere Situation berichtet wird, vergessen die Menschen uns nicht. Menschen müssen sich daran erinnern, dass die Atomkraft das Schrecklichste ist. Wir sollten diesen Schmutz nicht an die nächste Generation weitergeben.« Für ihn ist es am wichtigsten, wie die Verantwortlichen mit der Situation umgegangen sind. »Wie sie Menschen unnötig der Radioaktivität ausgesetzt haben.« Für Außenstehende hat er eine Nachricht: »Bitte öffnen Sie ihre Augen und schauen Sie hinter die Kulissen, um herauszufinden, was passiert.«

Stadt Date, Fukushima Präfektur, 19 km nordöstlich vom Stadtzentrum Fukushimas

Ein Paar grauer Jeans, ein blau-grün gestreifter Kapuzenpullover und Shorts mit Lammwolle hängen an einer silbernen Stange im Wohnzimmer der neuen Wohnung von Minako Sugano. Es sind die Sachen ihrer drei Kinder. Frau Sugano trocknet sie nicht draußen. »Das ist nicht sicher.« Die 40-Jährige und ihre Familie haben sich freiwillig evakuiert. Von einem verstrahlten Ort in Date an einen anderen, weniger verstrahlten. Ihr Haus wurde als »besonderer, zur Evakuierung empfohlener Ort« designiert. Das war im April 2011. »Seit drei Jahren leben wir in einem Ausnahmezustand. Ich verstehe nicht, warum wir immer noch darin verweilen müssen.«

Sie beschreibt die kritischen Details. »Die Strahlenbelastung um unser Haus wurde überprüft. Es gab Hotspots. Wir erwarteten einen Evakuierungsbefehl. Drei Monate lang passierte nichts. Dann bekamen wir Nachricht und konnten wählen, ob wir uns evakuieren oder nicht. Ich konnte nicht länger bleiben. Ich musste meine Kinder beschützen.«

Frau Sugano denkt zurück. Daran, als das Draußen noch ein schöner Ort und kein Sicherheitsrisiko war. »Ich wollte meine Kinder immer naturverbunden erziehen, inmitten der Berge.« Sie erinnert sich an die unbeschwerten Tage, die lange vorbei sind. »Unsere glücklichste Zeit vor dem Desaster waren unsere gemeinsamen Spaziergänge. Das haben wir immer gemacht, sobald die Kinder aus der Schule kamen. Es war unsere kleine Zeit. Jetzt machen wir nur noch Sachen im Haus. Das ist sehr schwer.« Die ganze Situation beginnt Auswirkungen auf ihre Kinder zu haben. »Ich kann den Unterschied sehen. Sie sind angespannt, gestresst und finden es schwierig, sich auf eine Sache zu konzentrieren.«

Anfang 2013 fand sie zufällig heraus, dass die Evakuierungsempfehlung für ihr Haus aufgehoben wurde. Dann folgte die offizielle Aufforderung zurückzukehren. Sie weigerte sich. Sie will ihre Kinder nicht den willkürlichen Sicherheitseinschätzungen der Autoritäten aussetzen. Die Empfehlungen werden zwischen der Zentralregierung und den lokalen Regierungen verhandelt. Es steht vieles auf dem Spiel. An einigen Orten sind die Grenzwerte höher als an anderen. Ihr früheres Haus liegt in einer dieser Gegenden, in denen die Grenzwerte höher sind. Im März 2013 wurde ihre Entschädigung gestrichen.

Für die Zukunft wünscht sie sich, dass ihre Kinder gesund bleiben. Der Mangel an Schutz regt sie immer wieder auf. »Es müssen nicht alle die Augen einer Mutter haben. Aber es muss ein besseres System für die Kinder geben. Es ist mein größtes Bemühen, meinen Kindern keinen Schaden zuzufügen. Ich möchte sie beschützen. Ich möchte nichts bereuen. Und ich versuche nicht zu bereuen, dass wir in Fukushima leben.« Sie schließt mit den Worten: »In 30 Jahren möchte ich wissen, dass das, was ich getan habe, richtig war. Dass ich aufgepasst habe. Dass meine Entscheidung in der Zukunft Früchte trägt.«

Die Sonne scheint durch die dünnen Vorhänge ihres Wohnzimmers. Sie öffnet die Fenster nur, wenn kaum ein Wind weht. Heute muss sie noch das ganze Haus saugen. Das macht sie seit der Evakuierung jeden Tag. Frau Sugano weiß, dass die Sicherheit, nach der sie sich sehnt, nicht mehr existiert. Sie versucht, sie dennoch jeden Tag zu rekonstruieren. Für ihre Kinder.

Stadt Fukushima, Fukushima Präfektur

Hiroshi Kanno verlor seine Wurzeln am 11. März 2011. »Ich hatte gerade alles für die neue Saison vorbereitet, als das Erdbeben begann. Die Erschütterung war so massiv, dass ich mich auf meinem Gemüsefeld hinsetzen musste.« Auf seinen 2,5 Hektar Land in Iitate baute er 35 verschiedene Sorten Gemüse an, von chinesischem Kohl über Karotten bis hin zu Sojabohnen.

Seit fast drei Jahren lebt er mit seiner Frau und seiner Mutter in Fukushima. »Mein Leben hat sich um 180 Grad verändert. Ich habe mein eigenes Haus, aber kann nicht dorthin. Ich habe Ackerland, aber kann dort nichts anbauen. Ich bin Bauer, aber kann in Iitate nicht länger Bauer sein.« Er wirft zwei Fragen auf: »Wie lange können wir geduldig sein? Wie lang können wir mit dieser Situation umgehen? Vielleicht ist es für kurze Zeit zu ertragen, aber wenn wir nicht wissen, wie lange das alles dauern soll, mündet das leicht in eine Depression.« Er spricht das Problem direkt an: »Wir leben befristet in einem Haus. Wir können uns nicht entspannen, ganz abgesehen davon, uns niederlassen. Wir leben wie Flüchtlinge. Wir haben unsere Wurzeln verloren.«

Am wichtigsten findet er Folgendes: »Wir sollten global keine Atomkraft mehr nutzen. Fukushima ist der Beweis, dass wir die Auswirkungen eines solchen Desasters nicht kontrollieren können.« Für ihn führt das zu einer einschneidenden Einsicht: »Das hier ist mehr als ein Krieg. Es unterscheidet nicht. Du weißt nicht, wie du davon betroffen sein wirst. Es geht einfach weiter. Das ist der fundamentale Fehler. Du kennst die Grausamkeit nicht, besonders die Auswirkungen auf die Gesundheit. Japan exportiert jetzt Atom. Das ist eine Frage für die Menschheit.« Der frühere Gemüsebauer schließt mit einer Bitte: »Bitte vergessen Sie Fukushima nicht. Die Welt muss von Tschernobyl, Three Mile Island und Fukushima lernen.« Auf die Frage hin, ob die Welt denn lernt, öffnet er seine Hände, streckt sie zu beiden Seiten, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und antwortet: »Nein. Es geht im Kern darum, die Erde zu schützen oder die Menschheit zu zerstören.«

Dann lacht er wieder, zieht seine Visitenkarte aus der Jackentasche und deutet auf die erste Zeile. »Ich lebe mit der Erde« hat er dort eingefügt. »Alle Menschen sind Lebewesen. Wir sind alle in der Erde verwurzelt. Wenn wir nicht mit der Erde leben, werden wir zerstört werden.«

Stadt Miharu, Fukushima Präfektur, 40 km südlich vom Stadtzentrum Fukushimas

Tatsuko Okawara und ihre Familie haben 20 Zentimeter ihrer Erde umgegraben, sich dazu durchgerungen, Gemüse anzubauen, dessen Wurzeln nicht zu tief gehen, und sich entschieden, Bio-Bauern zu bleiben. 2013 eröffnen sie und ihr Mann einen Laden für fair-gehandeltes Biogemüse und ein Café mit Namen Esperi, Esperanto für »Hoffnung haben.« Sie wollen die radioaktiven Cäsium-Werte und die Herstellungsart des Produktes offen machen, und sie möchten Menschen miteinander vernetzen: Japan mit dem Rest der Welt, die Stadt mit dem Land. Und den lokalen fairen Handel unterstützen. Ihr Laden und Café sind eine Antwort auf die Katastrophe. Frau Okawara hat noch eine andere entwickelt.

Sie zieht die weiße Decke von einem Tisch in ihrem Café, drapiert darauf eine schwarze, dekoriert sie mit Miniatur-Holzscheiten aus Textil und bringt darauf braune Stoffpilze an. Dann nimmt sie zwei Puppen aus einer Box, zieht sie über beide Arme, tritt zurück, hebt die Figuren über die neue Bühne, schließt ihre Augen und fängt an zu singen. Vielmehr fängt die Figur mit dem hellblauen Pullover und der orangenen Schürze an zu singen. Es ist Hanakos Lied, darüber, wie schön das Leben ist. Es ist der fröhliche Anfang von Hanakos und Taros Geschichte. Frau Okawara ist Puppenspielerin.

Sie sorgt sich, dass Menschen vergessen. Das, was in Fukushima Daiichi vor fast drei Jahren passiert ist, und auch, dass das Desaster weitergeht. »Zu vergessen bedeutet, es gibt eine Chance, dass es sich wiederholt. Das ist meine Botschaft. Das ist die Theorie der Geschichte. Menschen, die vergessen, was der Krieg bedeutet, lösen immer den Krieg aus.«

Wie das Leid ihrer Freunde, die seit 35 Jahren Shiitake-Pilzfarmer sind. »Wegen Fukushima mussten sie vier Tonnen Shiitake-Pilze wegwerfen. Ihnen sind 60.000 Baumstämme geblieben, die als Atommüll klassifiziert sind.« Sie fängt leise an zu weinen und schaut an einen Ort, den es nicht mehr zu geben scheint. »Deswegen habe ich die Puppengeschichte entwickelt. Die Atomkatastrophe ist auch diese Geschichte. Meine Aufführung ist nicht vollendet, aber ich bete dafür, weitermachen zu können und die Nachricht zu verbreiten.« Einmal im Monat spielt sie die Geschichte ihrer Freunde. Sie möchte auch eine Aufführung für Kinder entwickeln. Und kleine Broschüren, um die vielen anderen Geschichten zu erzählen, die sie sorgfältig sammeln möchte.

Frau Okawara hat die Puppen gewechselt. Taro and Hanako sind alt geworden, haben jetzt weißes Haar. Seit der Atomkatastrophe sind Jahrzehnte vergangen. Sie beklagen, dass es keine Vögel und Fische mehr gibt, dass alles zerstört ist, dass Bauern und Fischer leiden. Hanako hat noch eine Frage: »Können wir eines Tages wieder einen Himmel ohne Strahlung haben?« Sie bekommt keine Antwort. So wie viele von der Katastrophe Betroffene.

Dorf Iitate, Fukushima Präfektur, 37 km südöstlich vom Stadtzentrum Fukushimas

Der Wind bläst ungestüm über die Anhöhen des evakuierten Dorfes Iitate. Auf den Hügelketten reihen sich Nadelbäume auf. Zerstreut stehen grau-braune, blattlose Laubbäume zwischen dem Grün der Tannen und dem Weiß des Schnees. Japanisches Silbergras verweht an den Rändern der Reisfelder. In Iitate gibt es keine stereotypen Szenen einer Evakuierung. In den Häusern sind die Vorhänge zugezogen. Die Reisfelder sind terrassenartig angelegt, akkurat arrangiert, aber nicht bewirtschaftet. Der Pausenhof der Grundschule ist aufgeräumt, aber verlassen. Überall stehen schwarze Plastiksäcke. Neben Wohnhäusern, in Auffahrten, in Gärten, auf den Feldern. Ein Mal ein Meter im Durchmesser, fast ein Meter fünfzig hoch. Was aussieht wie simple Siloplanen, sind Aufbewahrungen für Atommüll. In Iitate stehen viele schwarze Säcke.

Herrn Hasegawas Hof liegt am Rande eines kleinen Gehölzes. Die Nachmittagssonne fällt in seinen verlassenen Kuhstall. Ein einfacher, spitz zulaufender, heller Holzstab mit japanischen Schriftzeichen lehnt an der ersten Box. Darauf die Worte: »menschliches Desaster, erleiden, der Radioaktivität ausgesetzt, Kühe.« Es ist eine traditionell buddhistische Holzkomposition, die hinter die Gräber der Toten gesteckt wird. Herr Hasegawa hat sie für seine Kühe anfertigen lassen, die er töten lassen musste. Wo seine 50 Milchkühe standen, verharren jetzt traurige Erinnerungen an bessere Tage. Spinnweben an sechs silbernen Ventilatoren, am Armaturenbrett und an den Schaltern betonen die Leblosigkeit. An der Stirnseite des Stalls steht 23-3-11. Das Datum des Desasters. In der japanischen Tradition, die Zeit zu erfassen. Festgehalten mit Kreide. Gefolgt von 2:46, dem Zeitpunkt, als das Erdbeben alles erschütterte und eine unermessliche Katastrophe anfing, ihren Lauf zu nehmen.

Herr Idogawa sagt: »Fukushima ist ein Kampf mit der Radioaktivität.« Es ist ein Konflikt, der alle Aspekte des Alltags durchdringt. Es ist ein Konflikt zwischen Auffassungen und Auslassungen, zwischen Wahrheiten und Lügen, Idealen und Ideologien, Verlusten und Sehnsüchten, zwischen Träumen und Albträumen. Und er dauert an. Eine der größten Ängste der Menschen aus Fukushima ist es, vergessen zu werden.

Veröffentlichungen:

Reportage Der andauernde Ausnahmezustand, analyse&kritik, 18.03.2014, S.11-12