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Die Spuren von Sant´Anna di Stazzema

01_sant-anna Trotz ihrer Verurteilung in Italien können sieben SS-Angehörige unbehelligt in Deutschland leben. Überlebende des Massakers von Sant´Anna di Stazzema fordern von der deutschen Justiz weiter Antworten.

Es sind die Hände, die etwas aus Enio Mancinis Leben erzählen. Etwas anderes, als Worte es können. Die Hände des 73-Jährigen zittern stark an diesem Sommerabend in den Apuanischen Alpen. In seiner Rechten hält er eine schmale, langgezogene Kerze, die schützend ein weißer Papierschirm umgibt. Mancinis Stimme ist gefasst und lässt die versammelte Menge zur Ruhe kommen. “Das Charakteristische des heutigen Abends ist die Stille. Deswegen bitte ich um absolute Ruhe”, sagt er und fügt wohlwollend hinzu “wenn es möglich ist”.

Die Kirchenglocke von Sant´Anna di Stazzema fängt mit einem tiefen Ton an zu läuten, ein hellerer Ton folgt. Mancini zündet seine Kerze an, dreht sich um und beginnt, mit dem Priester am Anfang einer Gedenkprozession den steilen, steinigen Pfad zum Gebeineturm auf der Spitze des Berges hinauf zu gehen. Am Fuße des Gebirges glitzern die Lichter der Marina di Pietrasanta in der Weite des Ligurischen Meeres. Es ist der Vorabend des 12. August. Der Tag, an dem eine deutsche SS-Einheit vor 67 Jahren, 1944, das Massaker an den Dorfbewohnern von Sant´Anna di Stazzema in Italien verübte. 560 Menschen wurden grausam ermordet.

Zwei Fragen

Ende Juli 1944 beginnt die SS, Operationen gegen Partisanen in der Gemeinde Stazzema durchzuführen. In den frühen Morgenstunden des 12. August 1944 rücken vier Kompanien der 16. SS-Panzergrenadierdivision “Reichsführer SS” in Sant´Anna di Stazzema ein. Ihre Ankunft kündigen die Deutschen mit Gewehrsalven an. Die Männer des 650 m hoch gelegenen Dorfes fliehen in die Wälder. Die SS trifft in ihren Häusern und Ställen nur noch Frauen, Kinder und Alte an. Sie werden erschossen. Leichen, Häuser und Ställe steckt die SS danach in Brand. Eine weitere Gruppe der DorbewohnerInnen wird auf dem Kirchenvorplatz zusammengetrieben und dort erschossen. Danach reißt die SS die Bänke aus der Kirche, wirft sie auf die Toten und zündet den Leichenberg an. Identifiziert werden können später nur 400 Tote. Das jüngste Opfer ist 20 Tage alt.

Enio Mancini überlebt das Massaker. Er ist sechs Jahre alt, stolpert mit anderen Dorfbewohnenden durch den Wald. Begleitet werden sie von einem SS-Angehörigen. Der junge Soldat redet mit ihnen, aber sie verstehen nicht was er sagt, bis er ihnen bedeutet wegzulaufen. Als Mancini später in sein Dorf zurückkommt, sieht er, was passiert ist. “Danach begann eine dunkle Zeit”, sagt er heute. Seit dem Massaker beschäftigen ihn zwei Fragen: “Warum?”, sagt er auf Deutsch, und “Wer?” auf Italienisch, dabei legt er den Kopf zur Seite und setzt Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand zusammen, als ob sich so etwas greifen liesse, das jenseits des Fassbaren liegt.

“Schrank der Schande“

Bereits im September 1944 beginnen die Alliierten mit Ermittlungen zu NS-Kriegsverbrechen in Italien. Die Ergebnisse übergeben sie der italienischen Regierung. Das Beweismaterial füllt 695 Aktenordner. Es geht um unzählige Massaker mit fast 10.000 zivilen Opfern. Erst 1994 werden die Unterlagen im sogenannten “Schrank der Schande” im Palazzo Cesi, dem Sitz der Militärstaatsanwaltschaft in Rom, entdeckt. Jahrzehntelang stand der Schrank verschlossen mit der Tür zur Wand in einem Keller. Die Akten wurden versteckt, um den NATO-Beitritt der Bundesrepublik nicht zu gefährden. So beginnen erst Mitte der 1990er Jahre verschiedene italienische Militärstaatsanwaltschaften mit den Ermittlungen.

Im April 2004 eröffnet das Militärgericht in La Spezia den Prozess zu dem Massaker in Sant´Anna di Stazzema. “Wir haben an jedem Prozesstag teilgenommen”, sagt Mancini, “stellvertretend für die Verstorbenen”. Am 22. Juni 2005 verurteilt das Militärgericht zehn Mitglieder der 16. Panzergrenadierdivision “Reichsführer SS” wegen des “fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit” zu lebenslänglicher Haft. “Die Urteilsverkündung hatte etwas Bedrückendes und Befreiendes zugleich”, erzählt Mancini. Gegen das Urteil legen Alfred Mathias Concina, Karl Gropler, Georg Rauch, Horst Richter, Gerhard Sommer, Alfred Schöneberg und Ludwig Heinrich Sonntag Widerspruch ein. Im November 2006 lehnt das zuständige Militärgericht in Rom alle Revisionsanträge ab.

Spätestens 2002 bekommt die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Ermittlungsakten aus Italien in die Hände. Seitdem sind ihr die Namen der mutmaßlichen Täter bekannt. Das Militärgericht in La Spezia hat beispielsweise festgestellt, dass Gerhard Sommer als Befehlshaber für das Massaker verantwortlich war. Zur Staatsanwaltschaft gelangt auch das Geständnis des beteiligten Soldaten Göring, der als Maschinengewehrführer an dem SS-Massaker beteiligt war. Auf Befehl hin hätten er und der Munitionsschütze fünfzehn bis fünfundzwanzig Frauen erschossen, die vor ihren Häusern standen. Dann hätten beide die Leichen mit Benzin übergossen und angezündet, gab Göring zu Protokoll.

Spuren

Dennoch hat Stuttgart auch nach zehn Jahren der Ermittlungen keine Anklage erhoben. Auf Nachfrage sagt der zuständige Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler, das bisherige Material habe zu einer Einstellung des Verfahrens geführt. Es gebe keinen hinreichenden Tatverdacht für Mord, weil die niedrigen Beweggründe oder das Merkmal der besonderen Grausamkeit und die konkrete Tatbeteiligung dem einzelnen SS-Angehörigen schwer nachzuweisen seien. Außerdem sei immer noch nicht klar, wer für den Gesamteinsatz verantwortlich war. Falls es der Bataillonskommandeur (Anmerkung nis: Anton Galler) gewesen sei, sei der inzwischen verstorben. “Jetzt verfolgen wir eine neue Spur”, sagt Häußler ohne Details preiszugeben.

Die Hamburger Rechtsanwältin Gabriele Heinecke, die den Opferverband von Sant´Anna vertritt, findet klare Worte: “Alle Spuren haben in diesem Fall nicht weitergeführt, sondern eine Anklageerhebung verzögert.” Im Fall Göring, wo ein Geständnis vorliegt, hätte ihrer Meinung nach bereits auf jeden Fall angeklagt werden müssen. Heinecke kritisiert: “Die Staatsanwaltschaft Stuttgart kann nicht die Superinstanz spielen. Das Massaker vom 12. August 1944 ist anklagereif. Mehr gibt es da nicht zu ermitteln.”

Für Enio Mancini zeigt die neue Spur, die die Staatsanwaltschaft verfolgt, nur eine gewisse Resistenz gegenüber den Geschehnissen. Seine wachen blauen Augen blicken konzentriert auf sein Gegenüber. “Für die deutsche Justiz existiert das Thema nicht.” Er lehnt sich nach vorne, legt die Stirn in Falten und gestikuliert mit seiner Lesebrille. “Tatsächlich fordern wir nicht viel, nur eine Kleinigkeit. In Deutschland soll das Massaker anerkannt und wahrgenommen werden. Das hätte Symbolkraft. Es ist schlichtweg eine moralische Pflicht, daran zu erinnern.”

Erinnerung

Die Erinnerung hat sich Enio Mancini zur Aufgabe gemacht. 1991 hat er in Sant´Anna das Historische Museum der Resistenza aufgebaut, im ehemaligen Schulgebäude. In einer kleinen, rot angestrichenen Vitrine befinden sich Habseligkeiten der Dorfbewohnenden, die unmittelbar nach dem Massaker auf dem Kirchplatz und an anderen Ortsteilen entdeckt wurden. Ein brauner, angesengter Hut, Heiligenbilder, Rosenkränze, Kruzifixe, schwarz angelaufene Ringe und Armreifen, ein Lederportemonnaie mit alten Lirascheinen, eine Kinderpuppe, bei der ein Teil der Oberlippe herausgebrochen ist, Fotos. Und eine Uhr, von der nur das Innenleben mit Ziffernblatt übrig geblieben ist. Dessen Zeiger sind um 6:52 Uhr stehen geblieben.

67 Jahre später werden in Stuttgart immer noch Spuren verfolgt, während sieben SS-Männer, die in Italien zu lebenslanger Haft verurteilt sind, unbehelligt in Deutschland leben. In Italien können die Täter nicht bestraft werden, weil nach deutschem Recht kein Staatsbürger ohne seine Zustimmung ausgeliefert werden kann. Und bislang fordern die italienischen Behörden nicht die Vollstreckung des Urteils in Deutschland. In Sant´Anna di Stazzema gedenken Enio Mancini und andere Menschen den Toten und fordern Antworten.

Aktualisierung:

Im Oktober 2012 hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Ermittlungen im Fall des SS-Massakers eingestellt.

Die Hamburger Rechtsanwältin Gabriele Heinecke, die den Opferverband von Sant´Anna vertritt, hat Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Stuttgart erhoben. Ihr Kommentar zu der Einstellungsentscheidung: „Was (Oberstaatsanwalt) Häußler mit vielen Worten und auf vielen Seiten versucht hat zu vernebeln ist die Frage, ob in Sant’ Anna gemordet worden ist oder nicht und – wenn ja – der Mord individuell zurechenbar ist. Nach seiner Meinung ist beides zu verneinen. Nach meiner Meinung ist beides zu bejahen.“

Enrico Pieri, Überlebender des SS-Massakers von Sant Anna di Stazzema ist am 30. Januar 2013 nach Stuttgart gereist, um dort mit seiner Anwältin Gabriele Heinecke bei der Generalstaatsanwaltschaft Beschwerde gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens einzureichen. Mittlerweile sind acht der verurteilten Täter gestorben. In den zwei verbleibenden Fällen hat ein Vollstreckungshilfeersuchen aus Italien das Justizministerium angeblich nicht erreicht. Im anderen Fall ist der Vorgang undurchsichtig.

Im Mai 2013 lehnt die Staatsanwaltschaft Stuttgart neue Ermittlungen im Fall des SS-Massakers ab.

Text: Nina Schulz
Übersetzungen aus dem Italienischen: Nina Mühlmann
Alle Fotos: Elisabeth Mena Urbitsch

Veröffentlichungen:

Reportage Ein NS-Kriegsverbrechen, das nicht verjährt, Zeit Online, 17.08.2011
Reportage Die Spuren von Sant´Anna, bodo, 09/2011, S. 28-30
Reportage Die Spuren von Sant´Anna di Stazzema, analyse & kritik, 564 (2011), S.25