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„Boxen tue ich auch alleine“

Vom 8. bis zum 15. Mai 2005 finden im norwegischen Tönsberg die 4. Europameisterschaften des Amateurboxens für Frauen statt – ohne Boxerinnen aus der Bundesrepublik. Wie es dazu kam, erläutert die amtierende Deutsche Meisterin im Leichtgewicht (bis 57kg), Sonja Dürr.

In dem Film „Million Dollar Baby“ muss sich die Hauptdarstellerin gegen den Widerstand eines Boxclubbetreibers durchsetzen, bevor er sie letztendlich trainiert. Sie kämpfen zur Zeit auch gegen Vorurteile.
Der Deutsche Amateurboxverband hat beschlossen, dieses Jahr keine Boxerin aus Deutschland zur Europameisterschaft für Amateurboxerinnen in Norwegen zu schicken. Angeblich hat es keine Qualifikation für die EM gegeben, dabei bin ich Deutsche Meisterin in meiner Gewichtsklasse von 2003 und 2004. Die deutschen Amateurboxerinnen seien international nicht konkurrenzfähig, trotz meiner Silbermedaille bei der EM 2003 und meinem zweifachen Titelgewinn beim europäischen 1.Mai Boxcup in Stockholm 2004 und 2005. Außerdem sei ich mit 33 zu alt, um gefördert zu werden. Aber der DBV soll mich gar nicht mehr fördern, das hätte er in den letzten Jahren tun können. Jetzt wollte ich einfach nur bei der EM kämpfen.

Welche Reaktionen hat das Startverbot bei Ihnen ausgelöst?
Ich kann das immer noch nicht glauben. Es ist mir ein echtes Rätsel, was bei den Männern vom DBV wirklich dahinter steckt. Angeblich ist die Leistung nicht hoch genug. Dann hätte die deutsche Fußballnationalmannschaft der Männer auch nicht an der WM teilnehmen dürfen. Für die ist es normal teilzunehmen. Bei uns wird ein unglaublicher Aufstand gemacht.

Waren diese Entwicklungen vorhersehbar?
Nein, ganz im Gegenteil. Der Delegationsleiter hat über die letzte EM einen Bericht verfasst und angesprochen, wie hoch international das Niveau ist. Deswegen müsse dringend eine Förderung in die Wege geleitet werden. Das hat er uns zumindest erzählt. Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet, z.B. auf einen Sichtungslehrgang eingeladen zu werden. Ich bin aus der letzten EM gegangen, mit der persönlichen Enttäuschung im Viertelfinale rausgeflogen zu sein. Aber auch mit dem Eindruck, bei der Frauenförderung hat sich was bewegt. Das war ja nun nichts.

Der Pressewart des Deutschen Boxsportverbandes, Alexander Mazur hat in einem Interview gesagt „Wir sind sehr für das Frauenboxen, aber das müssen die Frauen alleine machen!“
Da würde ich ihm Recht geben, denn Boxen tue ich schon alleine. Sie müssen eine dann aber auch lassen. Bisher war es so: Wir lassen sie in Ruhe und sie lassen uns boxen. Dieses Startverbot hat die Situation komplett verändert. Sie sagen, das Leistungsniveau ist nicht da. Wie wollen sie das beurteilen? Ich bin nicht eingeladen worden, um vorzuboxen und zu zeigen, ob ich das Niveau habe oder nicht. So finde ich das ein bisschen billig. Das regt mich auf.

Welchen Eindruck haben die bisherigen Europameisterschaften bei Ihnen hinterlassen?
Sie sind jedes Mal sehr beeindruckend gewesen. Das Bild ist hier völlig undenkbar. Hundertzwanzig Boxerinnen, in einem Hotel, auf einem Turnier. Kämpfe auf einem Niveau, da bleibt einer die Spucke weg. Ich dachte, könnte sich jemand vom DBV das hier gefälligst Mal angucken. Und sei es nur auf Video. Und mir dann irgendwas davon erzählen, Frauenboxen sei unästhetisch. Letzten Endes kam dabei heraus, dass es einfach Boxen ist, ganz normal.

Wie gestaltet sich die Boxsituation von Frauen in anderen Ländern?
Es ist sehr unterschiedlich. Teilweise ist die Förderung wirklich hervorragend. In Russland und in der Türkei, das sind die alten Häsinnen, die die Zeichen der Zeit gleich am Anfang erkannt haben und schon lange fördern. Dann kommen Frankreich, Italien, die Ukraine, Polen, Rumänien und Ungarn, das sind nicht alle. Je länger der DBV auf seinem Niveau verharrt und nichts passiert, desto weiter entfernen sich andere Länder mit ihrem Leistungsstand. Das geht schnell und ging auch schon ganz schnell. Die Tatsache, dass sie jetzt nicht aus dem Quark kommen, ist verheerend.

Nina Schulz

Veröffentlichungen:

Artikel “Boxen tue ich auch alleine”, Frankfurter Rundschau, 09.05.2005, S.23