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Die Hindernisse lauern außerhalb des Rings

Lediglich drei Paar Boxhandschuhe hat Michele Aboro aufbewahrt. Abgewetzt und faltig liegen sie unter dem Regal ihres Einzimmer-Apartments: ein Paar ist von ihrem letzten Kampf; eins ist ihr ehemaliges Sparringspaar und eins trägt sie heute beim Training.

Früher besaß die ehemalige WIBF-Boxweltmeisterin im Federgewicht Unmengen dieser Faustmodelle: 21 von ihren Kämpfen als Profiboxerin, mehr als 38 von denen als Kickboxerin, einige Ringpaare von Kollegen und geschichtsträchtige Exemplare von 1910 und 1915. „Ich musste mein Leben vom Boxen entrümpeln“, betont Aboro. Ende 2001 hatte die Universum Box-Promotion GmbH plötzlich und unerwartet ihren Vertrag gekündigt, weil das ZDF die unbesiegte Boxerin für nicht vermarktbar hielt. „Meine Karriere haben das ZDF und Universum beendet“, betont die ungeschlagene Weltmeisterin kämpferisch. Bis zu diesem Datum schien sich die schwarze, offen lesbische lebende Athletin unaufhaltsam empor zu boxen.

Ansporn

Begonnen hat Aboros Karriere in Großbritannien. Aufgewachsen ist die gebürtige Britin Mitte der 1970er Jahre in einem südlichen Stadtteil Londons. „Peckham hatte einen üblen Ruf. Die Polizei hielt sich lieber fern“, erklärt die 36jährige. Aber tatsächlich sei das Zusammenleben dort sehr nachbarschaftlich gewesen. „Trotzdem sind solche Orte ein Ansporn. Du bekommst Hunger auf etwas Besseres, etwas Neues.“

Den Hunger stillte sie, als sie 1988 mit Thai- und Kickboxen anfing. Nach drei Monaten war sie bereits Britische Meisterin. Insgesamt hat die Ausnahme-Athletin allein im Thai- und Kickboxen fünf Britische, einen Europäischen und drei Weltmeistertitel gewonnen. 1995 zog sie nach Amsterdam und trainierte im Johan Vos Gym. Als sich keine Gegnerinnen mehr fanden, wechselte die Topsportlerin zum Profiboxen. Im Sparring gegen Regina Halmich wurde Aboro entdeckt. 1997 boxte sie gegen Daisy Lang. Das Hamburger Boximperium Universum sicherte der Siegerin einen Vertrag zu. Aboro gewann den Kampf überragend. Aber einen Vertrag mit dem größten europäischen Boxstall bekamen beide.

„Von nun an konnte ich mich voll und ganz dem Boxen widmen. Ich musste nicht mehr nebenbei arbeiten. Das war ein Geschenk“, erinnert sie sich. Und gleichzeitig ein Problem, reflektiert Aboro heute. Sie habe sich nur auf das Kämpfen konzentriert und nicht auf andere Aspekte des Box-Zirkus. „Vielleicht bin ich dadurch eine gute Kämpferin gewesen. Aber meine Karriere hat es abgekürzt“, kritisiert sie.

Kommerzialisierung

Für sie lauerten die unüberwindbaren Hindernisse nur außerhalb des Rings. Genauso wie andere Sportarten sei auch das Boxen einem Kommerzialisierungsdiktat unterworfen. „Die Nummer eins im Boxen ist das Marketing“, erläutert Aboro. „Firmen wollen Sportler in eine individuelle Illusion, eine Traumfigur für Herrn oder Frau Norm verwandeln“, analysiert die Profiboxerin. „Es ist eine Art des `Sex sells´. Ein Anreiz.“ Und ein Vermarktungsspiel, dessen Regeln sie sich widersetzte. Denn „ich bin eine Athletin und kein Playmate“, konstatiert die Weltmeisterin. Aber nach wie vor spielen Hautfarbe, unangepasstes Rollenverhalten und sexuelle Orientierung eine gewichtige Rolle für den Erfolg. „Hautfarbe ist ein Problem, Sexualität ist ein Problem, wenn sie nicht der heterosexuellen Norm entspricht, Ethnizität ist ein Problem. Zumindest in der Bundesrepublik“, kritisiert Aboro. „Solange Du all´ das versteckst, ist es in Ordnung. Aber das konnte und wollte ich nicht. Und dann hast Du wirklich ein großes Problem.“

Diesem Problem begegnete sie Ende 2001. Mit einem lapidaren Fax beendete ihr damaliger Arbeitgeber Universum ihren Vertrag. Wortwörtlich stand dort, „Sie sind nicht mehr exklusiv bei Universum unter Vertrag. Von heute an können Sie für andere Boxverbände kämpfen.“ Für Aboro war das ein Schock. Sie stieg in den nächsten Zug von Amsterdam nach Hamburg und verlangte eine Antwort. Das ZDF sei der Ansicht, sie sei im Fernsehen nicht zu vermarkten, bekam sie dort zu hören. Eine eigenständige Begründung des Hamburger Boxstalls blieb aus. „Dann habe ich vor dem Arbeitsgericht geklagt. Um Antworten zu bekommen. Um Arbeitsrechte einzufordern, auch für andere Boxer. Wir sind keine Sklaven dieses Konzerns“, berichtet Aboro.

Neue Töne

Das Landesarbeitsgericht in Hamburg hat die Klage abgewiesen. Ob sie dagegen Rechtsmittel einlegt, steht derzeit noch nicht fest. Eine Entscheidung hat sie im August diesen Jahres getroffen: zumindest im Ring will sie sich nicht mehr messen. „Boxen hat mir ein Leben in Freiheit ermöglicht. Wo ich heute stehe und wer ich bin, verdanken ich dem Boxen. Es hat mir eine Menge Türen geöffnet“, berichtet die diplomierte Sportlehrerin rückblickend. Trainieren will sie weiterhin, andere und sich selbst. Aber jetzt müsse sie gehen. In einer ehemaligen Kirche im Herzen Amsterdams, dem jetzigen Veranstaltungsort Paradiso, werde sie bereits erwartet. Nicht um zu boxen, sondern um den Sound auszusteuern. Das ist das neue Standbein der frisch absolvierten Tontechnikerin. „Früher hatte ich für meine andere Vorliebe die Musik, keine Zeit. Da gab es nur das Boxen. Das ist jetzt anders“, lächelt sie und schließt die Tür hinter sich.

Nina Schulz

Hintergrund:

Im Bantamgewicht und Federgewicht bestritt Michele Aboro 21 Kämpfe als Profiboxerin. Sie gewann alle, 12 davon mit K.O. Titel Aboros: 1999 WIBF Weltmeisterin im Federgewicht (bis 57,15 kg), 1998 WEBF Europameisterin im Bantamgewicht (53,5 kg)

Die Dokumentation „A Knockout“ (Tessa Boerman, Samuël Reiziger, Niederlande 2004, E, 52 Min.) handelt von Aboros Leben als Profiboxerin. Der Film beleuchtet kritisch welche Rolle Hautfarbe, unangepasstes Rollenverhalten und sexuelle Orientierung nach wie vor in Profisportarten spielen.

Veröffentlichungen:

Artikel Die Hindernisse lauern außerhalb des Rings, Frankfurter Rundschau, 14.11.2005, S.21