Kategorien, Stichwörter und Suche

Wegweiser in die Vergangenheit

01_sandbostel Es gibt sie – mittlerweile. Eindeutige Wegweiser mit schwarzer Schrift auf weißem Hintergrund. „Gedenkstätte Lager Sandbostel“ ist dort zu lesen. Seit Dezember letzten Jahres weist das schlichte Schild an der Kreisstraße des Ortes Selsingen auf das ehemalige Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager Stalag X B in Sandbostel hin.

Nach Sandbostel sind es noch 8 Kilometer. Die Allee, die erst noch eine werden will, windet sich durch eine sichtbar auf Strukturentwicklungsgelder aus Brüssel angewiesene Gegend. Idyllisch liegt das 832 Seelendorf Sandbostel an den Ausläufern des Huvenhoopsmoores, mitten im Elbe-Weser-Dreieck, zwischen Bremen und Hamburg. Hier heißen Gaststätten noch aufrecht „Zum Grünen Jäger“, werden Kartoffeln in kleinen Holzunterständen an der Straße vertrauensselig zum Verkauf angeboten und zieren efeuumrankte Niedersachsenhöfe mit gottesfürchtigen Giebelunterschriften den Ortskern.

Im weiteren Verlauf der Straße fallen den Vorbeifahrenden unweigerlich sieben akribisch aufgereihte, gleich ausgerichtete Holzbaracken ins Auge. Bis zum letzten Jahr versperrte der stark gewachsene Baumbestand den Blick auf die Architektur des Nazi-Regimes. Heute umhüllt nur noch der zartgrüne Schleier der verbliebenen Birken das ehemalige Lagergelände.

„Der Bestand des Stalag X B und gerade die parallel gereihten sieben Unterkunftsbaracken sind einfach einzigartig,“ bemerkt Andreas Ehresmann, Leiter der Gedenkstätte und Projektkoordinator der Stiftung Lager Sandbostel. „Wenn man in der mittleren Baracke steht, aus den Fenstern herausguckt und durch die anderen Baracken hindurch sehen kann, ist die Visualisierung dieser monotonen Reihung absolut bemerkenswert und einmalig,“ stellt Ehresmann fest. Die insgesamt 23 historischen Gebäude sind der größte zusammenhängende Barackenbestand dieser Art in der Bundesrepublik. „Der Zustand der Baracken ist fast schon pittoresk oder morbide,“ kommentiert der Projektkoordinator. Dadurch wirke das Ensemble fast so, als ob es aus der Epoche des Kriegsgefangenenlagers in die Jetztzeit transplantiert worden sei.

Einzigartige Baracken – pittoresk und morbide

Obwohl das Stalag X B eines der größten Hauptlager für Kriegsgefangene in Deutschland war, scheint seine Existenz in der Öffentlichkeit nahezu vergessen. Von 1939 bis 1945 war es ein Kriegsgefangenenlager mit durchschnittlich 30.000 bis 50.000 Inhaftierten. Seine Höchstbelegung erreichte es im September 1943, als 72.000 Gefangene dort untergebracht waren. Im April 1945 diente es außerdem als Auffanglager für die von der SS grausam durchgeführten Evakuierungsmärsche aus dem KZ Neuengamme bei Hamburg. Noch auf dem Weg fielen viele der circa 10.000 KZ-Häftlinge den Gewaltexzessen der Wachmannschaften oder der Entkräftung zum Opfer.

Rund eine Million Menschen aus 70 Nationen wurden durch das Lager geschleust. Unter ihnen befanden sich reguläre Kriegsgefangene, die im Zuge der vorrückenden Front in Gefangenschaft gerieten und in Arbeitskommandos ins so genannte Hinterland gebracht wurden; Militärangehörige, die nicht bei regulären Kriegshandlungen festgenommen wurden wie beispielsweise italienische Militärs nach der Kapitulation Mussolinis; Zivilpersonen von der Handelsmarine oder einfache Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen, die von der deutschen Kriegsmarine aufgebracht wurden; KZ-Häftlinge und die Frauen von der Armia Krajowa. Bei letzteren ist es jedoch ungesichert, ob sie einen Kombattantinnenstatus hatten. Am 29. April 1945 befreiten britische Truppen das Stalag X B. Bis dahin fanden mehrere zehntausend Menschen dort den Tod. Die erschütternden Zustände im Lager Sandbostel charakterisierte der Berichterstatter der britischen Grenadier Guards bei der Befreiung als „a minor Belsen“.

Nach 1945 diente das Stalag X B weiter als Lager: Bis 1948 wurden Partei- und SS-Führer dort interniert. Das Niedersächsische Justizministerium nutzte das verbliebene Gelände von 1948-1952 als Außenstelle des Gefängnisses Celle. Von 1952-1960 war Sandbostel Durchgangslager für männliche, jugendliche DDR-Flüchtlinge. Nachdem Teile des Lagers in Ackerland umgewandelt worden waren, entstand auf dem verbliebenen  Bereich 1974 das Gewerbegebiet Immenhain. Dazu ließ der damalige Bürgermeister Sandbostels, Heinrich Kruse, verlauten: „Wer jetzt noch sagt, dass hier ein Lager gewesen ist, der muß ´ne Runde ausgeben.“

Von der Schwierigkeit, eine Auseinandersetzung über das Geschehene zu führen, weiß Dr. Klaus Volland zu berichten. Gemeinsam mit Werner Borgsen veröffentlichte er das 1991 erschienene Buch „Stalag X B Sandbostel“, das als erste Monographie eines Kriegsgefangenlagers in der Bundesrepublik gilt. Als Volland 1976 an das Gymnasium Bremervörde kam, hätten ihm Schüler erzählt, dass es in Sandbostel noch Überreste eines Kriegsgefangenenlagers gebe. Für ihn der Auftakt einer Beschäftigung mit dem Thema, die bis heute andauert. Sein Zorn und sein Wunsch nach Aufklärung waren geweckt, als er entdeckte, dass „auf dem Lagerfriedhof in Sandbostel viele Tausend sowjetische Kriegsgefangene anonym in Massengräbern bestattet sind und auf dem historischen Lagergelände damals keinerlei Hinweis auf die Geschichte des Lagers zu entdecken war,“ erklärt Volland.

Denn bis zur Aufstellung der Hinweisschilder gab allein der verwitterte Wegweiser zur Kriegsgräberstätte Sandbostel Eingeweihten Aufschluss über das, was von 1939-1945 in dieser Gegend geschah. „Im Grunde ist Kriegsgräberstätte der falsche Begriff, weil dort keine regulären Kriegstoten bestattet sind,“ erläutert Ehresmann. „Das ist der Lagerfriedhof für die Toten aus dem Kriegsgefangenenlager Stalag X B und die KZ-Häftlinge, die Mitte April 1945 hierher gebracht wurden und sowohl in der Zeit des Lagers als auch kurz danach gestorben sind.“

Besondere Auseinandersetzungen in der Umgebung rief das ehemalige Mahnmal der Sowjets hervor, dessen dreisprachige Inschrift lautete: „Hier ruhen 46.000 russische Soldaten und Offiziere, zu Tode gequält in der Nazigefangenschaft.“ Der Landkreis Bremervörde und das niedersächsische Innenministerium kamen in den 1950er Jahren zu dem Schluss, dass die Zahl der Toten „übertrieben hoch“ und es notwendig sei, der „Propaganda“ entgegen zu wirken. 1956 wurde das sowjetische Denkmal gesprengt. Drei schlichte Monolithe mit den Worten „Eure Opfer – Unsere Verpflichtung – Frieden“ ersetzen es seitdem. „Ursprünglich war die Inschrift anders herum gedacht,“ stellt Ehresmann klar. Sie sollte „Unser Opfer, Eure Verpflichtung“ lauten, also „eine persönliche Ansprache der Toten an die Überlebenden“ sein. „So ist es relativ belanglos, denn es ist keine präzise Lokalisierung oder Definition dessen, wer dort nun liegt,“ kommentiert Ehresmann.

In der Region habe man sich lange Zeit schwer damit getan, so Volland, „das Leiden der Gefangenen aus vielen Ländern der Erde im Lager Sandbostel und insbesondere das Massensterben von sowjetischen Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen angemessen zu würdigen. Stattdessen sei  der eigene „Opfer“-Status kultiviert worden -„Wir haben lange genug unter dem Lager gelitten!“-  oder sogar versucht worden, die Vergangenheit zu beschönigen, à la „Sandbostel war kein KZ!“, sagt Volland. Mit dem Buch hätten er und Borgsen den Opfern ein Denkmal setzen wollen.

Widersprüchlicher lokaler Umgang mit Geschichte

Bemerkenswerte regionale Auseinandersetzungen um Opferzahlen, den Zugang zum ehemaligen Lagergelände und finanzielle Schwierigkeiten verhinderten bis zum April 2005 die Errichtung einer Dokumentationsstätte in Sandbostel. Nichtsdestotrotz könne in der Region nicht von einer klassischen Verdrängung des Geschehenen gesprochen werden, argumentiert Ehresmann. Stattdessen habe es eine „Erinnerungsverlagerung von dem historischen Ort der Tat zu dem Friedhof“ gegeben. „Dort gab es wiederum eine Umschreibung der tatsächlich dort liegenden Opfer und Toten hin zu regulären Kriegstoten. Gleichzeitig sind einige der Toten aber doch als KZ-Häftlinge memoriert worden,“ merkt Ehresmann an. „Nur dass sie nicht Sandbostel sondern Neuengamme zugeordnet werden.“ Auch sei der Friedhof am Ortsausgang zwar gepflegt worden, „allerdings als ein idyllischer Waldfriedhof.“ Andrerseits hätten klassische Vier-Bilder-Postkarten mit Gruß aus Sandbostel aus den 1970 und 80er Jahren immer die Kriegsgräberstätte abgebildet. Und zwar genau den Bereich mit den bestatteten KZ-Toten, so dass fast die Inschrift auf dem Gedenkstein für sie zu lesen sei. „Die Erinnerungskultur hier vor Ort ist insgesamt eine sehr ambivalente und komplexe Sache,“ sagt er.

Diese Komplexität im Umgang mit der Geschichte dokumentiert auch der heutige Zustand des Geländes. Mittlerweile befindet sich ein über drei Hektar großes Grundstück mit elf der historischen Gebäude im Besitz der Stiftung. Zwei der Holzbaracken verfallen, ihre Dächer sind eingestürzt, die rechten Seitenfronten klaffen offen, schwarze Planefetzen ersetzen ehemalige Fenster. Andere Baracken sind trotz ihres unebenen Fundaments noch begehbar. In einer der ehemaligen Lagerküchen stützen Holzpfeiler sporadisch das Dach ab, eine der Außenmauern fehlt. Unerforschter Bauschutt, bewachsene Erdhügel, frisch gefällte Eichen, Brennnesselrabatten und Dornenbüsche verdeutlichen die Herausforderung, den Ort angemessen zu gestalten. Ein Wegesystem existiert noch nicht. Bislang vermitteln vier metallene Sitzreihen unterschiedliche Blickwinkel auf die Architektur des Lagers. Beschönigt wird hier nichts. Stattdessen bemüht sich die Stiftung in dieser ersten Phase um „eine zurückhaltende, schlichte Geländegestaltung und die Sicherung der Gebäude.“

Seit der Eröffnung der Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände bringen nicht nur archäologische Ausgrabungen Teile der Geschichte zu Tage. Menschen aus der Umgebung rufen an oder kommen persönlich und stellen der Dokumentationsstätte kunsthandwerkliche Gegenstände zur Verfügung, die mit Stalag X B beschriftet sind und von Gefangenen im Lager angefertigt wurden. Flechtwerk, Schreibtischunterlagen, Körbchen, Strohintarsien, Gemälde und Schatullen von größtenteils sowjetischen Kriegsgefangenen, dienten während der Arbeitseinsätze auf den lokalen Bauernhöfen als Tauschware gegen Essen oder als Geschenke. „Mittlerweile können einige Sachen sogar bei E-Bay ersteigert werden,“ so Ehresmann.

Mehr als 1.500 Personen haben die Gedenkstätte seit Anfang des Jahres besucht. Im zweiten Halbjahr 2007 waren es 2.500. Jetzt wünscht sich die Stiftung weitere Hinweisschilder. Von Bremervörde im Norden und Zeven im Süden aus. Denn für Ortsfremde ist das ehemalige Stalag X B immer noch schwer zu finden. Doch scheint die jetzige Beschilderung Früchte zu tragen. Von der Landstraße kommen zwei Radwanderer und fahren dann die ehemalige Lagerstraße hinunter. Am Hinweisschild biegen sie ab, nach links, direkt zur Gedenkstätte. Am Eingang des ehemaligen Lagers heißt die Bushaltestelle immer noch einfach „Industriegebiet.“

Text: Nina Schulz
Fotos: Elisabeth Mena Urbitsch

Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel
Greftstraße 5
27446 Sandbostel
Tel. 04764-810 520
Internet: www.stiftung-lager-sandbostel.de und
www.gedenkstaette-sandbostel.de

Öffentliche Rundgänge bietet die Dokumentations- und Gedenkstätte am zweiten Sonntag eines Monats um 13.00 Uhr und um 15.00 Uhr an.

Veröffentlichungen:

Reportage Späte Besinnung, Frankfurter Rundschau, 2. Dezember 2008, S.11
Reportage Wegweiser in die Vergangenheit, analyse&kritik, no.528, S.3