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Die Bilder des Zeugen

Musa Sadulaev geht große Risiken ein – allein durch die Tatsache, in Tschetschenien eine Fotokamera mit einem Film zu besitzen. So wie einmal, als ihn Soldaten der russischen Föderation festnahmen. Im Verhör mit einem ranghohen Offizier gab er an, eine kürzlich verstorbene Oma fotografiert zu haben.

“Wenn sie mir nicht glauben, können sie das Foto mit der Negativnummer C41 entwickeln.” Die Antwort, glaubt er, habe ihm das Leben gerettet. Sadulaev bekommt seinen Fotoapparat ausgehändigt und kann den Verhörort, ein Busdepot, verlassen. Später erfährt er, dass dies im ersten Tschetschenienkrieg der schrecklichste Ort des ganzen Landes war. Dort seien Menschen gequält, gefoltert und getötet worden. Das war 1995.



Auf Einladung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte kam Sadulaev 2005 mit mehr als 1300 Aufnahmen in die Hansestadt. Eine Auswahl ist in seiner aktuellen Ausstellung zu sehen. Seit September ist der 38-Jährige mit seinem elfjährigen Sohn Adam wieder in Tschetschenien. Er kümmert sich um seine 72-jährige Mutter und um seine Mission: “diesen Krieg zu dokumentieren”, damit die Welt Zeuge bleibt. 

Sadulaev ist 1968 in Kasachstan geboren. Er ist Kriegsfotograf und gilt als politischer Akteur, als Störfaktor für alle Seiten. Die Kämpfe und Opfer, das Attentat auf Präsident Achmad Kadyrow 2004, die Geiselnahme von Beslan – welchen neuen Tiefpunkt der brutal geführte Krieg in Tschetschenien auch erreicht: Musa Sadulaev ist da und drückt auf den Auslöser seiner Kamera. Partei ergreift er nie, nicht für die Soldaten der russischen Föderation, nicht für die islamistischen Separatisten oder die Moskau-treuen tschetschenischen Milizen. Nur für die Opfer. 



Alltag

Weltbekannte Fotos vom Alltag in Tschetschenien sind entstanden: das Leben der Zivilbevölkerung inmitten zerbombter Häuserfassaden, die Zustände in ehemaligen Flüchtlingslagern in Inguschetien, in denen er selbst lebte, Kinder, die an den Abschussrohren zurückgelassener Panzer klettern. “Die Leidtragenden sind immer die einfachen Menschen”, sagt Sadulaev. Er ist 38 Jahre alt und sieht sich als Chronist dieses kriegerischen Konfliktes. Sadulaev will nicht nur, dass “andere Menschen jetzt diese Bilder sehen sondern auch spätere Generationen”. Seine Bilder sollen “einen Anreiz geben, dass Menschen ein klares Nein! zu diesem Krieg sagen.”

Bevor er zu fotografieren anfing, arbeitete Sadulaev als Journalist bei der kommunistisch angehauchten Lokalzeitung Der Weg des Kommunismus in Znamenka. Er widmet sich “heißen Themen” – den Deportationen unter Stalin, den Grabsteinen, die von sowjetischen Soldaten als Baumaterial verwendet wurden. “Zu Zeiten Gorbatschows, als das Stichwort Glasnost aufkam, hatten wir die erste Möglichkeit, ein bisschen von der Wahrheit durchsickern zu lassen.” Als 1989 bei der Zeitung eine Stelle als Fotograf frei wird, bekommt er sie. Anfang der 90er Jahre beginnen die sogenannten “lustigen Zeiten”: Gehälter werden für mehr als ein Jahr nicht ausgezahlt. Sadulaev schlägt sich mit Porträtfotografien in Kindergärten und Schulen durch und hungert. 



Andere Bilder

Als der erste Krieg in Tschetschenien ausbricht, kehrt er zur Reportage zurück und lernt schwedische Journalisten kennen. 1995 beginnt seine Zusammenarbeit mit der amerikanischen Nachrichtenagentur AP. Als Ortsansässiger kann er schneller liefern – “und auch ganz andere Bilder, als die eingeflogenen Fotografen der Agenturen”, sagt er heute. 

Von 1999 an schickt Sadulaev täglich Fotos aus dem Niemandsland des Krieges an AP. Bei dem Attentat auf Achmad Kadyrow am 9. Mai 2004 kommt auch sein Freund Adlan Chassanow von der britischen Nachrichtenagentur Reuters ums Leben. Sadulaev erhält danach eine Festanstellung bei AP.

Alltägliche Gewaltexzesse, Terroranschläge von beiden Seiten, Todesschwadronen, Entführungen und militärische Auseinandersetzungen, die mit unerbittlicher Härte und ohne jede Beachtung des Völkerrechts geführt werden, charakterisieren das Leben in Tschetschenien heute. “Tschetschenien ist ein einziges Problem”, sagt Sadulaev. Für Kriegsberichterstatter existiere keine Garantie. “Dann musst Du erst einmal beweisen, dass Du kein Kamel bist”, zitiert Sadulaev ein russisches Sprichwort und erklärt dessen Bedeutung. “Du wirst mit einer Waffe bedroht und Dir wird gesagt, Du bist ein Kamel. Wenn Du Nein sagst, wirst Du einfach erschossen.” 


Nina Schulz

Veröffentlichungen:

Porträt Die Bilder des Zeugen, Süddeutsche Zeitung, 27.12.2006, S.19