{"id":606,"date":"2021-05-10T18:41:00","date_gmt":"2021-05-10T18:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/q-words.net\/?p=606"},"modified":"2021-06-10T18:41:55","modified_gmt":"2021-06-10T18:41:55","slug":"die-wahrheit-ist-dem-menschen-zumutbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/q-words.net\/?p=606","title":{"rendered":"\u201eDie Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.\u201d"},"content":{"rendered":"<p>[Not a valid template]Vor 70 Jahren \u00fcberlebte Argyris Sfountouris das SS-Massaker im griechischen Distomo. Er berichtet von seinen langen Bem\u00fchungen um Anerkennung der geschichtlichen Wahrheit und um Entsch\u00e4digung.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDenn auch 70 Jahre nach dem SS-Massaker im griechischen Distomo haben die Opfer noch keine Entsch\u00e4digung erhalten. Die T\u00e4ter sind nie angeklagt oder verurteilt worden.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em>Deutsche Beh\u00f6rden haben das SS-Massaker im Juni 1944 in Distomo als \u201enicht NS-Tat\u201c definiert. Wie denkst du dar\u00fcber?<\/em><br \/>\nArgyris Sfountouris: Die deutschen Beh\u00f6rden haben immer wieder behauptet, die Ereignisse in Distomo seien \u201eMa\u00dfnahmen im Rahmen der Kriegsf\u00fchrung\u201d gewesen. Kein Kriegsverbrechen, kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern irgendwie seien bei Gefechten mit Partisanen zuf\u00e4llig 218 Zivilisten umgekommen und eine Menge H\u00e4user im Dorf niedergebrannt worden. Dagegen wollte ich mit einer Gruppe aus Distomo klagen. Nicht auf Entsch\u00e4digungen, sondern auf Wahrheit. Das klingt sehr abstrakt. Aber in Deutschland gibt es das Gesetz gegen die Auschwitz-L\u00fcge. Ich wollte einen Prozess gegen die Distomo-L\u00fcge beantragen. Dann habe ich erfahren m\u00fcssen, das Gesetz \u00fcber die Auschwitz-L\u00fcge betrifft ausschlie\u00dflich Auschwitz. Es gab keine M\u00f6glichkeit, gerichtlich gegen die Distomo-L\u00fcge vorzugehen.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em>Dann hast du auf Entsch\u00e4digung geklagt?<\/em><br \/>\nErstens muss es die seelische Entsch\u00e4digung f\u00fcr den Verlust der Eltern in fr\u00fcher Kindheit geben. Zweitens die rein materielle Entsch\u00e4digung, f\u00fcr das niedergebrannte Haus und den Verlust von G\u00fctern. Der damalige Pr\u00e4fekt von B\u00f6otien, dem Distrikt, in dem Distomo liegt, hat von uns allen eine Vollmacht erbeten, um vor griechischen Gerichten auf Entsch\u00e4digungen gegen die Bundesrepublik zu klagen. Das Oberste Gericht in Griechenland hat befunden, dass die Staatenimmunit\u00e4t f\u00fcr Kriegsverbrechen nicht gelten kann. Meine Schwestern und ich haben auch in Deutschland geklagt, in der Hoffnung, nicht direkt an der Staatenimmunit\u00e4t zu scheitern. F\u00fcr materielle Entsch\u00e4digungen haben wir kein Recht bekommen. Aber der deutsche Bundesgerichtshof hat in der Pr\u00e4ambel zu seinem Urteil von 2003 gesagt, das Massaker von Distomo sei eines der grausamsten Kriegsverbrechen gewesen. Insofern wurde die Wahrheit \u00fcber Distomo in Deutschland bekannt. F\u00fcr uns ist es eine Genugtuung gewesen, dass man ein Kriegsverbrechen nicht einfach wegretuschieren kann. F\u00fcr die Zukunft und die Nachwelt. Das urspr\u00fcngliche Ziel haben wir erreicht. Indirekt.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em>Eine Entsch\u00e4digungszahlung an dich und deine Schwestern hat es nicht gegeben? <\/em><br \/>\nNein. Es hat auch nie eine offizielle Entschuldigung gegeben. Wenn Deutschland \u2013 sowohl der Staat als auch die Menschen, die den Staat und die Institutionen repr\u00e4sentieren \u2013 nach dem Krieg Reue empfunden h\u00e4tten, h\u00e4tte es Prozesse gegen die T\u00e4ter geben m\u00fcssen. Und Verurteilungen. Darum geht es f\u00fcr die Nachwelt: um das Wissen, dass gewisse Taten gar nicht erst begangen werden d\u00fcrften.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em>Daran h\u00e4ngt f\u00fcr dich eine Forderung?<\/em><br \/>\nBei den Menschenrechten m\u00fcssten auch die Rechte der Soldaten aufgelistet werden. N\u00e4mlich, dass sie verbrecherische Befehle gar nicht befolgen d\u00fcrfen. Dann k\u00f6nnten sie zum unmenschlichen Drill, der in der Ausbildung stattfindet, \u201eHalt\u201d  sagen. \u201eWenn ihr mich in eine Bestie verwandeln wollt, dann mache ich nicht mit.\u201d  Ein allgemeines Recht auf Desertion. Das Gewissen muss die h\u00f6chste Instanz bleiben. Darin liegt der Sinn von Menschenrechten.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em>Deiner Meinung nach hat es nie eine Nachkriegszeit gegeben, sondern immer nur Zeiten zwischen den Kriegen. <\/em><br \/>\nWenn ich \u00fcber das Massaker von Distomo und die Konsequenzen spreche, h\u00f6re ich immer wieder, Kriege habe es immer gegeben, und es wird sie immer geben. Wieso denken so viele, der Krieg sei eine Funktion des Menschseins? Dabei hie\u00dfe doch aus der Geschichte lernen, Kriege zu vermeiden und die Probleme anders zu l\u00f6sen. Ich denke, es gibt Kriege, weil diejenigen, die Kriege wollen, aus der Geschichte gelernt haben, dass man mit Kriegen Profit machen kann. Wenn aber ein UNO-Gericht sagt, es gibt ein Recht auf Entsch\u00e4digungen f\u00fcr alle Kriegsopfer, w\u00e4re die Folge eines Krieges, zur Kasse gebeten zu werden. Dann wird man eine ganze andere Rechnung anstellen m\u00fcssen als jetzt. Dann w\u00fcrden sich Kriege nicht mehr lohnen.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em>Findest du den Begriff Entsch\u00e4digungen zutreffend?<\/em><br \/>\nDen Begriff Entsch\u00e4digungen finde ich immerhin besser als das abscheuliche Wort Wiedergutmachung. Das ist gleichbedeutend damit, alle Scheu\u00dflichkeiten und Verbrechen als eine heilbare Krankheit anzusehen. Diese Kriegsverbrechen, diese Morde sind etwas Definitives. Die sind nicht wiedergutzumachen. Dass man im Nachkriegsdeutschland \u2013 ich wei\u00df nicht wo es diesen Begriff sonst noch gibt \u2013 dieses Wort w\u00e4hlte, ist schon eine Besch\u00f6nigung f\u00fcr die Geschichte, f\u00fcr das, was im Nationalsozialismus geschehen ist. Dieser Begriff ist der Beginn des Vorw\u00e4rtsschauens.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em> Auch eine Formel, die du kritisierst \u2026<\/em><br \/>\nGenau. Man h\u00f6rt immer: \u201eSchau nicht zur\u00fcck, schau vorw\u00e4rts, denke vorw\u00e4rts, mache etwas f\u00fcr deine Zukunft\u201d . Aber wo liegt dieses Vorw\u00e4rts, wenn es keine Erinnerung gibt? Ich empfinde das wie ein \u201eSchweig\u2019 du lieber. Du hast uns nichts zu sagen. Das wollen wir gar nicht h\u00f6ren.\u201d  Dagegen wehre ich mich. Mein ganzes Leben lang. Jemand hat mich mal gefragt, welches Bild f\u00fcr mich charakteristisch sei. Es ist das Kinderfoto von mir mit f\u00fcnf Jahren, mit ganz fest zusammengepressten Lippen. Das tat ich 50 Jahre lang, weil ich gesp\u00fcrt habe, dass niemand etwas davon h\u00f6ren will. Die Opfer sollen also gef\u00e4lligst den Mund halten. Ihre Erfahrung, ihr Erleben ist nicht gefragt. Ganz im Gegenteil m\u00fcsste man die Erfahrungen der Kriegsopfer sammeln und publizieren. Sie sind die Weltgeschichte.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em>In dem Sinne zitierst du Ingeborg Bachmann.<\/em><br \/>\n\u201eDie Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.\u201d  Diesen Satz hatte ich 1994 bei der Tagung f\u00fcr den Frieden in Delphi meiner Er\u00f6ffnungsansprache vorangestellt. Dort trafen sich Griechen, Deutsche und Schweizer. Ich fand es wichtig, dass sie auch aus der Feder einer deutschen Dichterin h\u00f6ren, dass die Wahrheit den Menschen zumutbar ist. Es gab einige anwesende Deutsche, die fanden, wir d\u00fcrfen nicht zu viel erz\u00e4hlen. Wir d\u00fcrfen die Deutschen nicht schockieren. Aber die Folge solcher Schonung erlebten wir 50 Jahre lang. Wenn wir schon eine Tagung f\u00fcr den Frieden machen, dann nicht um auf jene R\u00fccksicht zu nehmen, die eben nichts h\u00f6ren wollen.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em>Schweigen kommt also dem Verschweigen gleich?<\/em><br \/>\nDas Verschweigen in Deutschland hat Methode. Die Gerichte nennen das Staatsr\u00e4son. Es ist eine M\u00f6glichkeit, einen neuen Staat aufzubauen ohne st\u00e4ndig an seine Schuld oder die Schuld, die einem die Eltern aufgeladen haben, zu denken. Das ist das eine. Das andere ist die Kameradschaft, die nach dem Krieg unter den alten Soldaten, darunter nat\u00fcrlich sehr vielen Kriegsverbrecher, gepflegt wurde. Niemand durfte \u00fcber diese Erfahrungen sprechen. Wer aus der Schule plaudert, der ist erledigt. Einzelne haben erst im Todesbett ihren Kindern von ihren Kriegserlebnissen berichtet. Sie haben ein Leben lang schweigend ihre Schuldgef\u00fchle mit sich getragen. Erst die Kinder der T\u00e4ter haben erz\u00e4hlt. Solche Reuearbeit ist n\u00f6tig. Noch besser w\u00e4re es, wenn die T\u00e4ter selber diese Arbeit leisten. Das ist auch eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr die Opfer, auf irgendeine Weise zumindest, jemandem pers\u00f6nlich verzeihen zu k\u00f6nnen. Das Verschweigen ist das genaue Gegenteil.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em>Das bezeichnest du als \u201eGesch\u00e4ft des Vergessens\u201d &#8230;<\/em><br \/>\nDadurch, dass man \u201evorw\u00e4rts\u201d  ruft und Schlussstriche will, das ist alles ein Gesch\u00e4ft des Vergessens. Das ist wichtiger als die Besinnung, die Ethik, die Liebe, das \u201eLiebe deinen N\u00e4chsten\u201d , um es etwas frommer zu sagen. Das soll man als Letztes tun. Zun\u00e4chst soll man ans Gesch\u00e4ftliche im \u00f6konomischen Sinne denken. Aber wir m\u00fcssten auch eine \u00d6kologie der Ethik betreiben. Wenn der Begriff \u00d6kologie die Beziehungen der Lebewesen untereinander und mit ihrer unbelebten Umwelt beschreibt, dann m\u00fcssten wir nicht nur eine \u00d6kologie der Umwelt betreiben, sondern auch eine \u00d6kologie der Ethik. Denn wir wollen doch nicht eine intakte Umwelt schaffen, die von Barbaren bewohnt wird. Also m\u00fcssen wir am Menschen arbeiten. Davon wird leider gar nicht gesprochen. Aber genau das verstehe ich unter einer \u00d6kologie der Ethik.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p><em>Was f\u00fcr ein Gedenken an Distomo w\u00fcnschst du dir?<\/em><br \/>\nGedenktage und Feierlichkeiten sind sicherlich notwendig, aber mir ist vor allem das Gedenken abseits dieser Tage wichtig. Dass die n\u00e4chste und \u00fcbern\u00e4chste Generation es weitertr\u00e4gt und diese Generationen sowohl in Griechenland als auch in Deutschland informiert bleiben. Ich w\u00fcnschte, dass mein gro\u00dfes Archiv zu diesem Thema, auf Deutsch und Griechisch, zusammen mit anderen \u00e4hnlichen Archiven, erst einmal gerettet wird und weiter existieren kann. Dazu braucht es eine Stiftung. Es soll n\u00fctzlich gemacht werden f\u00fcr die Jugendarbeit, f\u00fcr die Wissenschaft. Es soll ein lebendiges Archiv daraus werden, das die Jugend f\u00fcr ein wirkliches und richtiges Gedenken motiviert und aktiviert. Das ist mein Wunsch. Solange ich noch am Leben bin, kann ich meinen Beitrag leisten. Sonst kann ich leider nicht mehr viel machen. Das muss man einsehen, dass die M\u00f6glichkeiten immer kleiner werden, die eigenen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<p>Text: Nina Schulz<br \/>\nFoto: Elisabeth Mena Urbitsch<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h4>Das Massaker von Distomo<\/h4>\n<p>Am 10. Juni 1944 ver\u00fcbte das SS-Panzer-Grenadier-Regiment 7 eines der grausamsten Massaker an der Zivilbev\u00f6lkerung w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges. Im griechischen Ort Distomo wurden 218 DorfbewohnerInnen brutal ermordet. Argyris Sfountouris und seine drei Schwestern haben das Massaker \u00fcberlebt. Er war dreieinhalb Jahre alt, als seine Eltern und 30 seiner Familienangeh\u00f6rigen niedergemetzelt wurden. Argyris Sfountouris w\u00fcnscht sich, dass sein Distomo-Archiv gerettet wird.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h4>Kein Recht auf Entsch\u00e4digung<\/h4>\n<p>1995 klagten Sfountouris und seine Schwestern in der Bundesrepublik auf Entsch\u00e4digung und Schadensersatz. Die Klage wurde abgewiesen. In Griechenland hatte eine Sammelklage Erfolg: Im Jahr 2000 verpflichtete der Areopag, das h\u00f6chste Gericht Griechenlands, die Bundesrepublik, eine Summe von insgesamt 28 Millionen Euro Entsch\u00e4digung an die Kl\u00e4gerInnen aus Distomo zu zahlen. Das ist bis heute nicht geschehen. 2008 erlaubte der oberste Gerichtshof in Italien den Klagenden aus Distomo, ihre Rechtsanspr\u00fcche gegen\u00fcber deutschem Staatseigentum in Italien durchzusetzen. Daraufhin erhob die Bundesrepublik Klage gegen Italien vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag wegen Verletzung der Staatenimmunit\u00e4t. 2012 gab der IGH der Bundesrepublik Deutschland Recht. Was wie ein zwischenstaatlicher Disput anmutete, handelte im Kern von individuellen Rechtsanspr\u00fcchen NS-\u00dcberlebender auf Entsch\u00e4digung. Mit diesem Urteil ist die M\u00f6glichkeit f\u00fcr NS-\u00dcberlebende auf Entsch\u00e4digung juristisch versperrt. Das hei\u00dft f\u00fcr Sfountouris \u201eNach dem h\u00f6chsten UNO-Gericht ist das Recht der Opfer auf Entsch\u00e4digung kein Menschenrecht!\u201d<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h4> Distomo 2014<\/h4>\n<p>Am 8. Juni um 19.30 Uhr findet im Ort Distomo eine Veranstaltung statt: \u201eKampf f\u00fcr Entsch\u00e4digungen und gegen Neonazis in Deutschland und Griechenland\u201d . Anschlie\u00dfend gibt es eine Theaterauff\u00fchrung von Klassen der deutschen Schule in Athen und aus Distomo im Theater beim Mausoleum \u2013 eine Premiere der Zusammenarbeit. Weitere Informationen dazu: ak-distomo@nadir.org.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h4>Ver\u00f6ffentlichungen:<\/h4>\n<p>Interview <em><a href=\"http:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak594\/18.htm\">&#8220;Schweig\u00b4 du lieber&#8221;<\/a><\/em>, analyse&amp;kritik, 20.05.2014, S.31<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 70 Jahren \u00fcberlebte Argyris Sfountouris das SS-Massaker im griechischen Distomo. 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