{"id":567,"date":"2014-03-08T18:26:35","date_gmt":"2014-03-08T18:26:35","guid":{"rendered":"http:\/\/q-words.net\/?p=567"},"modified":"2016-04-02T11:17:09","modified_gmt":"2016-04-02T11:17:09","slug":"der-andauernde-ausnahmezustand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/q-words.net\/?p=567","title":{"rendered":"Der andauernde Ausnahmezustand"},"content":{"rendered":"<p>[Not a valid template] Vor drei Jahren, im M\u00e4rz 2011, kam es im Kraftwerk von Fukushima zur atomaren Katastrophe. Die Betroffenen leiden noch heute unter den Auswirkungen.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDrei Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima leben die Betroffenen noch immer im Ausnahmezustand. Allein in der Pr\u00e4fektur Fukushima bekamen 146.520 Menschen einen Evakuierungsbefehl. Zehntausende haben sich \u00bbfreiwillig\u00ab evakuiert. Sie alle &#8211; leben \u00fcber das Land verteilt &#8211; in \u00dcbergangswohnungen. Sie haben ihre H\u00e4user, ihr Ackerland, ihren Familienzusammenhalt, ihre Communities und ihren Lebensunterhalt verloren. Entsch\u00e4digungszahlungen gestalten sich willk\u00fcrlich und gehen nur schleppend voran. Im Januar 2014 bin ich mit Greenpeace Japan durch das Land gereist und habe Betroffene interviewt.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Stadt Kazo, Saitama Pr\u00e4fektur, 70 km n\u00f6rdlich von Tokyo<\/h3>\n<p>\u00bbWas ich sah, habe ich noch nie vorher in meinem Leben gesehen. Aus dem vierten Stock des Rathauses konnte ich das Meer sehen. In den Wellen waren B\u00e4ume und H\u00e4user. Es waren Dinge dort, die nicht dort sein sollten, und Dinge, die dort sein sollten, waren nicht mehr da.\u00ab Katsutaka Idogawa sitzt ruhig in seinem B\u00fcrostuhl, faltet die H\u00e4nde und erz\u00e4hlt von dem Tag, der sein Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndert hat. Zehn Minuten, bevor der Tsunami die K\u00fcstenstra\u00dfe von Futaba erreichte, fuhr er eben diese Stra\u00dfe entlang. \u00bbWenn ich dort etwas sp\u00e4ter vorbeigekommen w\u00e4re, w\u00e4re ich heute nicht hier.\u00ab Die Dimension des Desasters hat ihn dem\u00fctig gemacht. \u00bbIch wusste nicht, was ich tun sollte. Als B\u00fcrgermeister war es meine Verantwortung, die Menschen zu sch\u00fctzen.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nIdogawa ist der ehemalige B\u00fcrgermeister von Futaba, Standort der Bl\u00f6cke 5 und 6 des Fukushima Daiichi Atomkraftwerks. Permanent fragte er TEPCO und die Zentralregierung: \u00bbK\u00f6nnen Sie garantieren, dass es in den Fukushima Daiichi Reaktoren keinen Unfall geben wird? Sind Sie sicher?\u00ab Die Antwort lautete immer gleich: \u00bbJa.\u00ab Die offizielle Antwort auf die Atomkatastrophe sah er voraus. \u00bbSchon bevor Fukushima passierte, wusste ich, dass die Regierung und TEPCO uns bel\u00fcgen w\u00fcrden.\u00ab Am 19. M\u00e4rz 2011 evakuierte er die Stadt. Ohne offizielle R\u00fccksprache. Um die Gesundheit der jetzigen und zuk\u00fcnftigen Generationen zu sch\u00fctzen. \u00bbUnsere Regierung setzt sich nur f\u00fcr die Atomkraft und die Atomfirmen ein. Uns wird weisgemacht, dass wir die Schuldigen sind. Dabei hat das Desaster unsere bisherige Lebensweise zerst\u00f6rt.\u00ab Etwas, das er einen \u00bbunverzeihlichen Mord\u00ab nennt, weil \u00bbwir nicht wissen, wann und wo Radioaktivit\u00e4t uns umbringt.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDer 67-J\u00e4hrige bezeichnet es auch als einen Kampf mit der Radioaktivit\u00e4t. \u00bbIn Japan k\u00f6nnen einige ohne Radioaktivit\u00e4t leben. Andere nicht. Nach unserer Verfassung ist das nicht gerecht.\u00ab Die aktuelle Situation charakterisiert er auch als menschlich erschaffenes Desaster. \u00bbWir sind Fl\u00fcchtlinge, die innerhalb Japans leben. Wir sind wie vergessene Menschen, die nicht gesehen werden k\u00f6nnen. Weggeworfene Menschen. Wir k\u00f6nnen nirgendwo hingehen. Wir brauchen H\u00e4user und Orte. Aber es geschieht nichts.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nEr legt seine Fingerspitzen aneinander, gestikuliert milde, vorsichtig. \u00bbAls Community werden wir nicht respektiert. Woanders k\u00f6nnen sich Opfer an den Wiederaufbauma\u00dfnahmen beteiligen, das ist Teil der Politik. In Japan k\u00f6nnen wir daran nicht teilnehmen. Die Menschen, die in den kontaminierten Gegenden gelebt haben, sollten entscheiden, was getan werden muss. Und die B\u00fcrokraten in Tokyo sollten nicht nur dar\u00fcber nachdenken, wie sie das Desaster so billig wie m\u00f6glich beenden k\u00f6nnen, um die Atomindustrie zu besch\u00fctzen.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDie Frage, was er am meisten vermisst, l\u00e4sst ihn leicht aus der Fassung geraten. Seine Stimme beginnt zu zittern. \u00bbVertrauen vermisse ich am meisten. Das ist zerst\u00f6rt. Die Regierung und TEPCO verletzen uns.\u00ab Dann entschuldigt er sich, verl\u00e4sst den Raum und kehrt kurz darauf zur\u00fcck. Unter seinem Arm: Eine Holzschachtel, eingewickelt in ein Seidentuch. Die Vorderseite ziert die Kalligraphie seines Familiennamens. Im Inneren, achtsam aufgerollt, der Stammbaum seiner Familie. Aufgezeichnet auf traditionellem japanischen Washi-Papier. Der geht mehrere hundert Jahre zur\u00fcck. \u00bbDas Fukushima-Desaster ist eine Zerst\u00f6rung unserer Geschichte. Unserer pers\u00f6nlichen Geschichte. Sie kann einfach nicht weitergehen. Aber es geht nicht nur um mich und meine Familie. Es geht um uns alle. Wir sind alle miteinander verbunden.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nHerr Idogawa m\u00f6chte sich weiterhin mit anderen verbinden und ein neues Futaba erschaffen. Irgendwo anders. \u00bbDas k\u00f6nnte eine Stadt der Hoffnung sein. F\u00fcr Menschen aus der ganzen Welt, die uns besuchen w\u00fcrden. Das w\u00e4re unser Geschenk, das wir der Welt zur\u00fcckgeben k\u00f6nnten.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3> Stadt Date, Fukushima Pr\u00e4fektur, 15 km nord\u00f6stlich vom Stadtzentrum Fukushimas<\/h3>\n<p>Die schnell errichteten \u00dcbergangsh\u00e4user f\u00fcr die Evakuierten liegen au\u00dferhalb von Date. In klar strukturierten, durchnummerierten Reihen. Sie sind aus Holz, eingeschossig, mit Schiebet\u00fcren aus Glas. Vor allen Eing\u00e4ngen stehen die wei\u00dfen K\u00e4sten der Klimaanlagen, vor einigen Blumenk\u00e4sten mit noch sp\u00e4rlicher oder vertrockneter Bepflanzung. W\u00e4sche weht im Wind. Im Hintergrund schneebedeckte Bergkuppen. Kenichi Hasegawa kommt in das kleine Communityzentrum. Unter dem Arm tr\u00e4gt er einen Laptop. Fr\u00fcher zeichnete der ehemalige Milchbauer auf, wann der erste Schnee des Jahres fiel. Hielt das Datum mit Kreide an der Stirnseite seines Kuhstalls fest. Fein s\u00e4uberlich untereinander. Heute zeichnet er die Ver\u00e4nderungen in seinem einstigen Dorf auf. Mit Fotos und Videoaufnahmen. Die Daten sind durcheinander. Angefangen hat er am 22. April 2011, als Iitate evakuiert wurde. Ein Ende seiner Dokumentation ist nicht in Sicht.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nSeine Aufnahmen sind die einzige Kontinuit\u00e4t, die Herr Hasegawa selbst herstellen kann. Er filmt und fotografiert immer vom gleichen Ort aus. \u00bbVon da aus kann ich das gesamte Gebiet sehen, wie sich die H\u00e4user und Reisfelder mit den Jahreszeiten ver\u00e4ndern.\u00ab Er filmt jetzt auch Veranstaltungen in den \u00dcbergangsh\u00e4usern von Date, wo er seit fast drei Jahren mit seiner Frau und ihren Eltern lebt. Zusammen mit 126 von der Atomkatastrophe betroffenen Haushalten. Nur 24 Familien kommen aus Herrn Hasegawas Gegend. Die anderen 30 Familien aus Iitate sind \u00fcber das Land verstreut.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDer 60-J\u00e4hrige vermisst es, mit seiner gesamten Familie im selben Haus zusammenzuleben. \u00bbAlle Familienmitglieder haben den Tag sechs Uhr morgens zusammen begonnen. Wir k\u00fcmmerten uns um die K\u00fche, machten K\u00fcchenarbeiten. Meine Familie ist jetzt \u00fcberall verstreut.\u00ab Vier Generationen lebten in dem traditionell japanischen Haus, neben dem Kuhstall und mit Blick auf die Reisfelder und H\u00fcgel.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nEr hat \u00f6ffentlich \u00fcber die \u00fcberschrittenen Grenzwerte f\u00fcr Radioaktivit\u00e4t gesprochen, die die Autorit\u00e4ten verheimlichen wollten. Die Zentralregierung schickte \u00bbPropaganda-Professoren\u00ab nach Iitate, wie Herr Hasegawa sie nennt. Professor Yamashita von der Nagasaki-Universit\u00e4t hielt \u00bbVortr\u00e4ge zur Sicherheit von Radioaktivit\u00e4t\u00ab. Er versicherte den Menschen, dass es sicher sei, in Iitate zu bleiben. Zu den Auswirkungen der Radioaktivit\u00e4t auf Kinder befragt, antwortete er nur: \u00bbSie sollten nur eine Stunde drau\u00dfen spielen.\u00ab Und fuhr fort: \u00bbDie Regierung sagt das Richtige. Sie m\u00fcssen ihr glauben. Ich bin Doktor und Wissenschaftler. Sie m\u00fcssen mir glauben. Dann schloss er mit den Worten: Radioaktivit\u00e4t mag die negativen Menschen. Wenn Sie sich Sorgen machen, wird die Radioaktivit\u00e4t Auswirkungen auf Sie haben.\u00ab Das macht Herrn Hasegawa immer noch w\u00fctend. \u00bbDas ist unverzeihlich. Und jetzt sprechen sie immer noch so.\u00ab Herr Hasegawa hatte eine Nachricht f\u00fcr Professor Yamashita, als dieser Frageb\u00f6gen an Haushalte schickte. \u00bbIch werde nicht Ihr Versuchskaninchen werden\u00ab, schrieb er quer \u00fcber den Bogen und schickte ihn unausgef\u00fcllt zur\u00fcck.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nWie sich die Ereignisse entwickelt haben, hat er in seinen Memoiren \u00bbFukushimas gestohlene Leben\u00ab festgehalten. Bedeutsame Momente f\u00fcr den 60-J\u00e4hrigen: Am 16. M\u00e4rz evakuiert er seine Kinder; am 19. M\u00e4rz wird seine Milch als \u00bbnicht sicher\u00ab deklariert; am 16. April wird Iitate als Evakuationsgebiet designiert; am 22. April der Evakuationsbefehl ausgef\u00fchrt. Grenzwerte sind nicht seine einzige Sorge. Die Strahlenbelastung ist nicht seine einzige Sorge. Es sind die Belastungen insgesamt. \u00bbJetzt sagen sie, das Desaster ist vorbei. \u00dcber die Situation der Opfer wird nicht mehr berichtet. Wenn aber \u00fcber unsere Situation berichtet wird, vergessen die Menschen uns nicht. Menschen m\u00fcssen sich daran erinnern, dass die Atomkraft das Schrecklichste ist. Wir sollten diesen Schmutz nicht an die n\u00e4chste Generation weitergeben.\u00ab F\u00fcr ihn ist es am wichtigsten, wie die Verantwortlichen mit der Situation umgegangen sind. \u00bbWie sie Menschen unn\u00f6tig der Radioaktivit\u00e4t ausgesetzt haben.\u00ab F\u00fcr Au\u00dfenstehende hat er eine Nachricht: \u00bbBitte \u00f6ffnen Sie ihre Augen und schauen Sie hinter die Kulissen, um herauszufinden, was passiert.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Stadt Date, Fukushima Pr\u00e4fektur, 19 km nord\u00f6stlich vom Stadtzentrum Fukushimas<\/h3>\n<p>Ein Paar grauer Jeans, ein blau-gr\u00fcn gestreifter Kapuzenpullover und Shorts mit Lammwolle h\u00e4ngen an einer silbernen Stange im Wohnzimmer der neuen Wohnung von Minako Sugano. Es sind die Sachen ihrer drei Kinder. Frau Sugano trocknet sie nicht drau\u00dfen. \u00bbDas ist nicht sicher.\u00ab Die 40-J\u00e4hrige und ihre Familie haben sich freiwillig evakuiert. Von einem verstrahlten Ort in Date an einen anderen, weniger verstrahlten. Ihr Haus wurde als \u00bbbesonderer, zur Evakuierung empfohlener Ort\u00ab designiert. Das war im April 2011. \u00bbSeit drei Jahren leben wir in einem Ausnahmezustand. Ich verstehe nicht, warum wir immer noch darin verweilen m\u00fcssen.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nSie beschreibt die kritischen Details. \u00bbDie Strahlenbelastung um unser Haus wurde \u00fcberpr\u00fcft. Es gab Hotspots. Wir erwarteten einen Evakuierungsbefehl. Drei Monate lang passierte nichts. Dann bekamen wir Nachricht und konnten w\u00e4hlen, ob wir uns evakuieren oder nicht. Ich konnte nicht l\u00e4nger bleiben. Ich musste meine Kinder besch\u00fctzen.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nFrau Sugano denkt zur\u00fcck. Daran, als das Drau\u00dfen noch ein sch\u00f6ner Ort und kein Sicherheitsrisiko war. \u00bbIch wollte meine Kinder immer naturverbunden erziehen, inmitten der Berge.\u00ab Sie erinnert sich an die unbeschwerten Tage, die lange vorbei sind. \u00bbUnsere gl\u00fccklichste Zeit vor dem Desaster waren unsere gemeinsamen Spazierg\u00e4nge. Das haben wir immer gemacht, sobald die Kinder aus der Schule kamen. Es war unsere kleine Zeit. Jetzt machen wir nur noch Sachen im Haus. Das ist sehr schwer.\u00ab Die ganze Situation beginnt Auswirkungen auf ihre Kinder zu haben. \u00bbIch kann den Unterschied sehen. Sie sind angespannt, gestresst und finden es schwierig, sich auf eine Sache zu konzentrieren.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nAnfang 2013 fand sie zuf\u00e4llig heraus, dass die Evakuierungsempfehlung f\u00fcr ihr Haus aufgehoben wurde. Dann folgte die offizielle Aufforderung zur\u00fcckzukehren. Sie weigerte sich. Sie will ihre Kinder nicht den willk\u00fcrlichen Sicherheitseinsch\u00e4tzungen der Autorit\u00e4ten aussetzen. Die Empfehlungen werden zwischen der Zentralregierung und den lokalen Regierungen verhandelt. Es steht vieles auf dem Spiel. An einigen Orten sind die Grenzwerte h\u00f6her als an anderen. Ihr fr\u00fcheres Haus liegt in einer dieser Gegenden, in denen die Grenzwerte h\u00f6her sind. Im M\u00e4rz 2013 wurde ihre Entsch\u00e4digung gestrichen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nF\u00fcr die Zukunft w\u00fcnscht sie sich, dass ihre Kinder gesund bleiben. Der Mangel an Schutz regt sie immer wieder auf. \u00bbEs m\u00fcssen nicht alle die Augen einer Mutter haben. Aber es muss ein besseres System f\u00fcr die Kinder geben. Es ist mein gr\u00f6\u00dftes Bem\u00fchen, meinen Kindern keinen Schaden zuzuf\u00fcgen. Ich m\u00f6chte sie besch\u00fctzen. Ich m\u00f6chte nichts bereuen. Und ich versuche nicht zu bereuen, dass wir in Fukushima leben.\u00ab Sie schlie\u00dft mit den Worten: \u00bbIn 30 Jahren m\u00f6chte ich wissen, dass das, was ich getan habe, richtig war. Dass ich aufgepasst habe. Dass meine Entscheidung in der Zukunft Fr\u00fcchte tr\u00e4gt.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDie Sonne scheint durch die d\u00fcnnen Vorh\u00e4nge ihres Wohnzimmers. Sie \u00f6ffnet die Fenster nur, wenn kaum ein Wind weht. Heute muss sie noch das ganze Haus saugen. Das macht sie seit der Evakuierung jeden Tag. Frau Sugano wei\u00df, dass die Sicherheit, nach der sie sich sehnt, nicht mehr existiert. Sie versucht, sie dennoch jeden Tag zu rekonstruieren. F\u00fcr ihre Kinder.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Stadt Fukushima, Fukushima Pr\u00e4fektur<\/h3>\n<p>Hiroshi Kanno verlor seine Wurzeln am 11. M\u00e4rz 2011. \u00bbIch hatte gerade alles f\u00fcr die neue Saison vorbereitet, als das Erdbeben begann. Die Ersch\u00fctterung war so massiv, dass ich mich auf meinem Gem\u00fcsefeld hinsetzen musste.\u00ab Auf seinen 2,5 Hektar Land in Iitate baute er 35 verschiedene Sorten Gem\u00fcse an, von chinesischem Kohl \u00fcber Karotten bis hin zu Sojabohnen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nSeit fast drei Jahren lebt er mit seiner Frau und seiner Mutter in Fukushima. \u00bbMein Leben hat sich um 180 Grad ver\u00e4ndert. Ich habe mein eigenes Haus, aber kann nicht dorthin. Ich habe Ackerland, aber kann dort nichts anbauen. Ich bin Bauer, aber kann in Iitate nicht l\u00e4nger Bauer sein.\u00ab Er wirft zwei Fragen auf: \u00bbWie lange k\u00f6nnen wir geduldig sein? Wie lang k\u00f6nnen wir mit dieser Situation umgehen? Vielleicht ist es f\u00fcr kurze Zeit zu ertragen, aber wenn wir nicht wissen, wie lange das alles dauern soll, m\u00fcndet das leicht in eine Depression.\u00ab Er spricht das Problem direkt an: \u00bbWir leben befristet in einem Haus. Wir k\u00f6nnen uns nicht entspannen, ganz abgesehen davon, uns niederlassen. Wir leben wie Fl\u00fcchtlinge. Wir haben unsere Wurzeln verloren.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nAm wichtigsten findet er Folgendes: \u00bbWir sollten global keine Atomkraft mehr nutzen. Fukushima ist der Beweis, dass wir die Auswirkungen eines solchen Desasters nicht kontrollieren k\u00f6nnen.\u00ab F\u00fcr ihn f\u00fchrt das zu einer einschneidenden Einsicht: \u00bbDas hier ist mehr als ein Krieg. Es unterscheidet nicht. Du wei\u00dft nicht, wie du davon betroffen sein wirst. Es geht einfach weiter. Das ist der fundamentale Fehler. Du kennst die Grausamkeit nicht, besonders die Auswirkungen auf die Gesundheit. Japan exportiert jetzt Atom. Das ist eine Frage f\u00fcr die Menschheit.\u00ab Der fr\u00fchere Gem\u00fcsebauer schlie\u00dft mit einer Bitte: \u00bbBitte vergessen Sie Fukushima nicht. Die Welt muss von Tschernobyl, Three Mile Island und Fukushima lernen.\u00ab Auf die Frage hin, ob die Welt denn lernt, \u00f6ffnet er seine H\u00e4nde, streckt sie zu beiden Seiten, lehnt sich in seinem Stuhl zur\u00fcck und antwortet: \u00bbNein. Es geht im Kern darum, die Erde zu sch\u00fctzen oder die Menschheit zu zerst\u00f6ren.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDann lacht er wieder, zieht seine Visitenkarte aus der Jackentasche und deutet auf die erste Zeile. \u00bbIch lebe mit der Erde\u00ab hat er dort eingef\u00fcgt. \u00bbAlle Menschen sind Lebewesen. Wir sind alle in der Erde verwurzelt. Wenn wir nicht mit der Erde leben, werden wir zerst\u00f6rt werden.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Stadt Miharu, Fukushima Pr\u00e4fektur, 40 km s\u00fcdlich vom Stadtzentrum Fukushimas<\/h3>\n<p>Tatsuko Okawara und ihre Familie haben 20 Zentimeter ihrer Erde umgegraben, sich dazu durchgerungen, Gem\u00fcse anzubauen, dessen Wurzeln nicht zu tief gehen, und sich entschieden, Bio-Bauern zu bleiben. 2013 er\u00f6ffnen sie und ihr Mann einen Laden f\u00fcr fair-gehandeltes Biogem\u00fcse und ein Caf\u00e9 mit Namen Esperi, Esperanto f\u00fcr \u00bbHoffnung haben.\u00ab Sie wollen die radioaktiven C\u00e4sium-Werte und die Herstellungsart des Produktes offen machen, und sie m\u00f6chten Menschen miteinander vernetzen: Japan mit dem Rest der Welt, die Stadt mit dem Land. Und den lokalen fairen Handel unterst\u00fctzen. Ihr Laden und Caf\u00e9 sind eine Antwort auf die Katastrophe. Frau Okawara hat noch eine andere entwickelt.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nSie zieht die wei\u00dfe Decke von einem Tisch in ihrem Caf\u00e9, drapiert darauf eine schwarze, dekoriert sie mit Miniatur-Holzscheiten aus Textil und bringt darauf braune Stoffpilze an. Dann nimmt sie zwei Puppen aus einer Box, zieht sie \u00fcber beide Arme, tritt zur\u00fcck, hebt die Figuren \u00fcber die neue B\u00fchne, schlie\u00dft ihre Augen und f\u00e4ngt an zu singen. Vielmehr f\u00e4ngt die Figur mit dem hellblauen Pullover und der orangenen Sch\u00fcrze an zu singen. Es ist Hanakos Lied, dar\u00fcber, wie sch\u00f6n das Leben ist. Es ist der fr\u00f6hliche Anfang von Hanakos und Taros Geschichte. Frau Okawara ist Puppenspielerin.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nSie sorgt sich, dass Menschen vergessen. Das, was in Fukushima Daiichi vor fast drei Jahren passiert ist, und auch, dass das Desaster weitergeht. \u00bbZu vergessen bedeutet, es gibt eine Chance, dass es sich wiederholt. Das ist meine Botschaft. Das ist die Theorie der Geschichte. Menschen, die vergessen, was der Krieg bedeutet, l\u00f6sen immer den Krieg aus.\u00ab\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nWie das Leid ihrer Freunde, die seit 35 Jahren Shiitake-Pilzfarmer sind. \u00bbWegen Fukushima mussten sie vier Tonnen Shiitake-Pilze wegwerfen. Ihnen sind 60.000 Baumst\u00e4mme geblieben, die als Atomm\u00fcll klassifiziert sind.\u00ab Sie f\u00e4ngt leise an zu weinen und schaut an einen Ort, den es nicht mehr zu geben scheint. \u00bbDeswegen habe ich die Puppengeschichte entwickelt. Die Atomkatastrophe ist auch diese Geschichte. Meine Auff\u00fchrung ist nicht vollendet, aber ich bete daf\u00fcr, weitermachen zu k\u00f6nnen und die Nachricht zu verbreiten.\u00ab Einmal im Monat spielt sie die Geschichte ihrer Freunde. Sie m\u00f6chte auch eine Auff\u00fchrung f\u00fcr Kinder entwickeln. Und kleine Brosch\u00fcren, um die vielen anderen Geschichten zu erz\u00e4hlen, die sie sorgf\u00e4ltig sammeln m\u00f6chte.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nFrau Okawara hat die Puppen gewechselt. Taro and Hanako sind alt geworden, haben jetzt wei\u00dfes Haar. Seit der Atomkatastrophe sind Jahrzehnte vergangen. Sie beklagen, dass es keine V\u00f6gel und Fische mehr gibt, dass alles zerst\u00f6rt ist, dass Bauern und Fischer leiden. Hanako hat noch eine Frage: \u00bbK\u00f6nnen wir eines Tages wieder einen Himmel ohne Strahlung haben?\u00ab Sie bekommt keine Antwort. So wie viele von der Katastrophe Betroffene.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Dorf Iitate, Fukushima Pr\u00e4fektur, 37 km s\u00fcd\u00f6stlich vom Stadtzentrum Fukushimas<\/h3>\n<p>Der Wind bl\u00e4st ungest\u00fcm \u00fcber die Anh\u00f6hen des evakuierten Dorfes Iitate. Auf den H\u00fcgelketten reihen sich Nadelb\u00e4ume auf. Zerstreut stehen grau-braune, blattlose Laubb\u00e4ume zwischen dem Gr\u00fcn der Tannen und dem Wei\u00df des Schnees. Japanisches Silbergras verweht an den R\u00e4ndern der Reisfelder. In Iitate gibt es keine stereotypen Szenen einer Evakuierung. In den H\u00e4usern sind die Vorh\u00e4nge zugezogen. Die Reisfelder sind terrassenartig angelegt, akkurat arrangiert, aber nicht bewirtschaftet. Der Pausenhof der Grundschule ist aufger\u00e4umt, aber verlassen. \u00dcberall stehen schwarze Plastiks\u00e4cke. Neben Wohnh\u00e4usern, in Auffahrten, in G\u00e4rten, auf den Feldern. Ein Mal ein Meter im Durchmesser, fast ein Meter f\u00fcnfzig hoch. Was aussieht wie simple Siloplanen, sind Aufbewahrungen f\u00fcr Atomm\u00fcll. In Iitate stehen viele schwarze S\u00e4cke.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nHerrn Hasegawas Hof liegt am Rande eines kleinen Geh\u00f6lzes. Die Nachmittagssonne f\u00e4llt in seinen verlassenen Kuhstall. Ein einfacher, spitz zulaufender, heller Holzstab mit japanischen Schriftzeichen lehnt an der ersten Box. Darauf die Worte: \u00bbmenschliches Desaster, erleiden, der Radioaktivit\u00e4t ausgesetzt, K\u00fche.\u00ab Es ist eine traditionell buddhistische Holzkomposition, die hinter die Gr\u00e4ber der Toten gesteckt wird. Herr Hasegawa hat sie f\u00fcr seine K\u00fche anfertigen lassen, die er t\u00f6ten lassen musste. Wo seine 50 Milchk\u00fche standen, verharren jetzt traurige Erinnerungen an bessere Tage. Spinnweben an sechs silbernen Ventilatoren, am Armaturenbrett und an den Schaltern betonen die Leblosigkeit. An der Stirnseite des Stalls steht 23-3-11. Das Datum des Desasters. In der japanischen Tradition, die Zeit zu erfassen. Festgehalten mit Kreide. Gefolgt von 2:46, dem Zeitpunkt, als das Erdbeben alles ersch\u00fctterte und eine unermessliche Katastrophe anfing, ihren Lauf zu nehmen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nHerr Idogawa sagt: \u00bbFukushima ist ein Kampf mit der Radioaktivit\u00e4t.\u00ab Es ist ein Konflikt, der alle Aspekte des Alltags durchdringt. Es ist ein Konflikt zwischen Auffassungen und Auslassungen, zwischen Wahrheiten und L\u00fcgen, Idealen und Ideologien, Verlusten und Sehns\u00fcchten, zwischen Tr\u00e4umen und Albtr\u00e4umen. Und er dauert an. Eine der gr\u00f6\u00dften \u00c4ngste der Menschen aus Fukushima ist es, vergessen zu werden.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h4>Ver\u00f6ffentlichungen:<\/h4>\n<p>Reportage <\/em><a href=\"http:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak592\/11.htm\">Der andauernde Ausnahmezustand<\/a><\/em>, analyse&#038;kritik, 18.03.2014, S.11-12<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor drei Jahren, im M\u00e4rz 2011, kam es im Kraftwerk von Fukushima zur atomaren Katastrophe. Die Betroffenen leiden noch heute unter den Auswirkungen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[8],"tags":[3],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/567"}],"collection":[{"href":"https:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=567"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/567\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":684,"href":"https:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/567\/revisions\/684"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=567"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=567"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=567"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}