{"id":43,"date":"2010-01-14T16:00:26","date_gmt":"2010-01-14T16:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/q-words.net\/?p=43"},"modified":"2011-04-28T10:05:33","modified_gmt":"2011-04-28T10:05:33","slug":"spiel-auf-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/q-words.net\/?p=43","title":{"rendered":"Spiel auf Zeit"},"content":{"rendered":"<p>[Not a valid template] \u00dcberlebende der Ghettos streiten seit Jahren mit deutschen Rentenversicherern \u00fcber ihre Rentenanspr\u00fcche aus Besch\u00e4ftigungen im Ghetto. Kein Gesetz in der Geschichte der Wiedergutmachung in der Bundesrepublik hat eine so hohe Ablehnungsquote von Entsch\u00e4digungsantr\u00e4gen zur Folge gehabt, wie das \u201eGesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus der Besch\u00e4ftigung in einem Ghetto\u201c, kurz ZRBG.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nF\u00fcr den Rentenanspruch ist entscheidend, ob die Antragstellenden im Ghetto \u201eaus eigenem Willensentschluss\u201c und \u201egegen Entgelt\u201c gearbeitet haben. Das m\u00fcssen die Klagenden glaubhaft machen. Um das herauszufinden, haben Richter des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen, mit Anh\u00f6rungen von \u00dcberlebenden in Israel begonnen. In der Bundesrepublik finden die Verfahren in der Regel ohne die Klagenden statt.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nBat-Sheva Szwarc hat sich schon Sorgen gemacht. Aufmerksam mustert sie aus ihren blauen Augen die G\u00e4ste. \u201eIch dachte schon, ich habe mich im Tag geirrt\u201c, sagt sie auf Polnisch. Tats\u00e4chlich hat der Nachmittagsverkehr im S\u00fcden Tel Aviv\u00b4s zu einer Versp\u00e4tung ihres Besuchs gef\u00fchrt. Die 85-J\u00e4hrige sitzt entspannt in einem gro\u00dfen Gesundheitssessel, der ihren K\u00f6rper einrahmt. Um ihren hellblauen Frotteebademantel ist eine pinkfarbene Wolldecke gewickelt, aus der robuste schwarze Sandalen auf dem h\u00f6her gestellten Fu\u00dfteil ragen. In bequemer Reichweite hat sie ihren Gehwagen geparkt. Konzentriert blickt sie auf den neuen Flachbildschirm-Fernseher an der gegen\u00fcberliegenden Wand und zappt mit der Fernbedienung zum Gesundheitskanal. \u201eAn alles von Fr\u00fcher erinnere ich mich genau. Heute ist meine Erinnerung nicht mehr so gut\u201c, erkl\u00e4rt sie. Und Erinnerung spielt in Bat-Sheva Szwarcs Leben eine wichtige Rolle.\n<\/p>\n<h3>Richter reisen nach Israel<\/h3>\n<p>Als Kind hat sie im Warschauer Ghetto gearbeitet und in der Shoa ihre gesamte Familie verloren. In ihren detailreichen Erz\u00e4hlungen wechselt sie vom Polnischen ins Jiddische und wieder ins Polnische. Dann f\u00e4ngt sie an auf Deutsch anti-semitische Hassreime der Nazis zu zitieren, die mit \u201eKeine Judenrepublik\u201c enden. \u201eDas haben sie in Sprechch\u00f6ren von den Lastern gerufen, die durchs Ghetto fuhren\u201c, schildert sie energisch. In ihrer Anh\u00f6rung zur Ghetto-Rente musste sie von ihren T\u00e4tigkeiten im Ghetto berichten. Denn nur wer aus \u201eeigenem Willensentschluss\u201c und \u201egegen Entgelt\u201c im Ghetto gearbeitet hat, kann eine so genannte Ghetto-Rente beziehen. Um das herauszufinden, haben Richter des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen, mit Anh\u00f6rungen von \u00dcberlebenden in Israel begonnen. Dazu sind auch Vertreter der Rentenversicherung aus Nordrhein-Westfalen geladen. Bis Mitte 2007 haben die Rentenversicherungen \u00fcber 95 Prozent der Antr\u00e4ge abgelehnt. Bat-Sheva Szwarcs Anh\u00f6rung war im April letzten Jahres in Tel Aviv.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n\u201eDas war sehr schwer. Einige haben so getan, als ob ich l\u00fcge\u201c, sagt sie und spricht dabei lauter auf Polnisch. \u201eIch habe in der Fabrik an der Spule gearbeitet, Kn\u00f6pfe angen\u00e4ht und S\u00e4ume f\u00fcr die M\u00e4ntel der Soldaten gemacht. Ich wei\u00df\u00b4 es. Ich war schlie\u00dflich da\u201c, erz\u00e4hlt sie immer schneller. \u201eJeden Tag haben wir gef\u00fcrchtet, nicht zu \u00fcberleben.\u201c Auf Deutsch streut sie \u201eArbeitsappell, Schei\u00dfkommando\u201c ein. In der Anh\u00f6rung sei sie sehr nerv\u00f6s gewesen. \u201eIch wusste, dass ich die Wahrheit spreche. Und ich bin nicht die Einzige. Es haben Viele \u00fcberlebt. Das habe ich mir doch nicht ausgedacht\u201c, sagt sie bestimmt. Ihr Blick schweift zu ihrer Lieblingsmalerei \u00fcber dem Sofa. Dort sitzt eine junge Frau mit Sonnenhut in einem wei\u00dfen Korbsessel auf einer Terrasse und liest. Im Hintergrund liegt ein See. In der Pastelllandschaft sieht die junge Frau unbeschwert aus.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nIhre Tochter Adina stellt sich neben sie und f\u00e4ngt an zu gestikulieren. \u201eMama hat sich immer erinnert\u201c, betont sie auf Englisch. In der Anh\u00f6rung sind die selbstsicher und robust auftretende Tochter und Bat-Sheva zusammengebrochen. \u201eDer Richter hat so Sachen gefragt. Das hat mich sehr ber\u00fchrt. Und dabei hat Mama doch die Wahrheit gesagt.\u201c Adina wirft ihre langen grauen Haare zur\u00fcck und macht eine einladende Armbewegung. \u201eWenn es Imke nicht gegeben h\u00e4tte, w\u00e4re die Wahrheit zum Teufel gegangen\u201c, betont Adina. Die 31-J\u00e4hrige arbeitet in den Anh\u00f6rungen zur Ghetto-Rente als historische Sachverst\u00e4ndige. Imke Hansen hat damals f\u00fcr den Abbruch der Anh\u00f6rung gesorgt und die Kl\u00e4gerin am n\u00e4chsten Tag zu Hause besucht und interviewt. Ihre Interviews mit \u00dcberlebenden des Holocaust basieren auf der Methode der Oral History. Sie bilden die Grundlagen f\u00fcr ein weiterf\u00fchrendes Verst\u00e4ndnis dessen, wie das Leben und Arbeiten im Ghetto organisiert wurde.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nNach der anstrengenden Anh\u00f6rung im Fr\u00fchling ist Bat-Sheva Szwarcs Ghetto-Rente bewilligt worden. Nur der best\u00e4tigende Brief ist noch immer nicht angekommen. \u201eDas liegt vielleicht an den vielen Feiertagen\u201c, murmelt die Tochter nebenbei, wie zur Beruhigung.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nBat-Sheva Szwarc wird langsam m\u00fcde. \u201eIch habe sehr viel \u00dcbung im Leben. Ich habe Trag\u00f6dien erlebt und als Kind meine ganze Familie verloren. Aber dann habe ich eine eigene Familie gegr\u00fcndet\u201c, sagt sie k\u00e4mpferisch und schaut dabei stolz in die Runde. In ihrer Familie tr\u00e4gt Bat-Sheva den Kosenamen der Pate. Sie betont, wie sehr sie sich auf die Hochzeiten ihrer Enkel freue. Da w\u00fcrde sie eine kesse Sohle auf\u00b4s Parkett legen, sagt die ehemals leidenschaftliche T\u00e4nzerin schelmisch.\n<\/p>\n<h3>&#8220;Ich habe viel \u00dcbung im Leben&#8221;<\/h3>\n<p>Bat-Sheva Szwarc ist eine von \u00fcber 70.000 Personen, die nach dem \u201eGesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus der Besch\u00e4ftigung in einem Ghetto\u201c kurz ZRBG, einen Antrag auf eine Ghetto-Rente gestellt hat. Sie geh\u00f6rte auch zu den 95% der Personen, deren Antr\u00e4ge bis Mitte September 2007 abgelehnt wurden. Kein Gesetz in der Geschichte der Wiedergutmachung in der Bundesrepublik hat eine so hohe Ablehnungsquote von Entsch\u00e4digungsantr\u00e4gen zur Folge gehabt, wie das Ghetto-Renten-Gesetz. Obwohl das 2002 einstimmig vom Bundestag beschlossene und r\u00fcckwirkend ab dem 1.Juli 1997 in Kraft getretene ZRBG ein Defizit in der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts beheben sollte. In der Folge weigerten sich jedoch die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden, das Gesetz umzusetzen. Mit seiner Entscheidung vom Juni letzten Jahres hat das Bundessozialgericht (BSG) in Kassel klar signalisiert, dass die Beamten ihre eng gefasste Auslegungspraxis \u00fcberpr\u00fcfen sollten. Bisher abgelehnte Antr\u00e4ge werden jetzt wieder aufgenommen. Sollten alle 70.000 Antr\u00e4ge bewilligt werden, rechnen Experten mit Kosten in H\u00f6he von zwei Milliarden Euro. Das Bundesministerium f\u00fcr Arbeit und Soziales zeigt sich zur\u00fcckhaltend. \u201eSeri\u00f6se Sch\u00e4tzungen der Finanzwirkungen seien noch nicht m\u00f6glich.\u201c\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nUrspr\u00fcnglich sollte das Gesetz monatliche Rentenzahlungen erm\u00f6glichen. In H\u00f6he von 50 bis 400 Euro. Anspruch darauf sollten diejenigen haben, die sich zwangsweise in einem Ghetto aufhielten und dort eine Besch\u00e4ftigung \u201eaus eigenem Willensentschluss\u201c und \u201egegen Entgelt ausge\u00fcbt\u201c haben. Im Gegensatz zur Zwangsarbeit. Das Ghetto muss sich zudem auf vom Deutschen Reich besetzten oder eingegliedertem Gebiet befunden haben. Auf diese Weise sollten in der Sozialversicherung entstandene \u201eAuszeiten\u201c wieder gutgemacht werden. Denn obwohl die Betroffenen h\u00e4ufig T\u00e4tigkeiten aus\u00fcbten, die sozialversicherungspflichtig waren, konnten sie im Ghetto keine Rentenanspr\u00fcche erwerben. Zus\u00e4tzlich verlor eine Person, die im Ausland lebte oder nicht mehr die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit besa\u00df, auch die ihr zustehenden Versorgungsanspr\u00fcche. Das ist mittlerweile anders.\n<\/p>\n<h3>Wenn Lebensgeschichten bewertet werden<\/h3>\n<p>Erschwerend f\u00fcr die Kl\u00e4ger_innen in den Ghetto-Rente Verfahren ist, dass sie sich in Beweisnot befinden. Unverschuldet. So wird in jedem Einzelfall untersucht, ob die Person sich in einem Ghetto aufgehalten hat, ob sie dort freiwillig besch\u00e4ftigt war und daf\u00fcr entlohnt wurde. Fast 65 Jahre sp\u00e4ter erfordert das ein pr\u00e4zises Erinnerungsverm\u00f6gen der \u00dcberlebenden. Das k\u00f6nnen sie aufgrund ihres Alters, erlittener Traumata und der verstrichenen Zeit oftmals nicht mehr erf\u00fcllen. Zudem befinden sie sich in einer Doppelrolle als Zeuge_in und Kl\u00e4ger_in in einer Person. Und f\u00fcr Verfolgte des Nazi-Regimes bedeutet das auch eine Konfrontation damit, \u00fcberlebt zu haben. So erfahren ihre Lebensgeschichten in einem rein juristischen Rahmen eine Bewertung. Und in der Mehrzahl der F\u00e4lle gestaltete sich der Umgang der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden mit den \u00dcberlebenden nicht gerade respektvoll.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nIn der Bundesrepublik finden die Verfahren in der Regel ohne die Klagenden statt. Um das zu \u00e4ndern, haben Richter des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen, mit Anh\u00f6rungen von \u00dcberlebenden in Israel begonnen. Richter von Renesse dazu: \u201eF\u00fcr die Kl\u00e4ger ist es m\u00fchsam nach Deutschland zu fahren. Aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden und auch, weil sie dort zuviel an fr\u00fcher erinnert. Dann f\u00e4hrt der Richter eben dorthin, wo die Menschen leben\u201c, erl\u00e4utert er. Schlie\u00dflich sei es der Kern eines jeden Gerichtsverfahrens, mit den Menschen zu sprechen, um die es ginge. \u201eF\u00fcr mich ist kein rechtlich tragf\u00e4higer Grund ersichtlich, warum man gerade bei j\u00fcdischen Verfolgten eine Ausnahme machen sollte\u201c, betont von Renesse.\n<\/p>\n<h3>Die Anh\u00f6rung<\/h3>\n<p>Ganz Jerusalem liegt an diesem Morgen unter einer Dunstglocke. Selbst die massiven, antiken Mauern der Altstadt sind vom weitl\u00e4ufigen Balkon des King David Hotels kaum zu erkennen. In dem alteingesessenen F\u00fcnf-Sterne Haus im Herzen der Heiligen Stadt wurde und wird nach eigenen Angaben Geschichte geschrieben. Alles, was auf internationalem Parkett Rang und Namen hat, scheint sich hier die Ehre gegeben zu haben. Illustriert findet sich das im avantgardistischen Design der Eingangshalle: Vom West- zum Ostfl\u00fcgel erstreckt sich zwischen den braunen und grauen Marmorfliesen ein durchg\u00e4ngiger, wei\u00dfer Streif, der wie ein ehrerbietiger Teppich wirkt. Auf dem Marmor stehen das Besuchsjahr und die Unterschrift ausgew\u00e4hlter G\u00e4ste wie 1931 Hailie Selassie, 1969 Axel Springer, 1994 Bill Clinton und 2003 Richard Gere. Das gewaltige Interieur des Hotels soll mit seinen wei\u00df geriffelten S\u00e4ulen, t\u00fcrkisfarbenen Borten mit weinrot-goldenem Stuck im Eingangsbereich und seiner Teppichkunst im Stil von vor dreitausend Jahren, facettenreich an die glanzvolle Periode K\u00f6nig Davids erinnern.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nBella Gr\u00fcnwald ist heute zum ersten Mal im King David Hotel. Die \u00fcber 80-j\u00e4hrige Frau wirkt darin ein wenig verloren. Die orthodoxe J\u00fcdin tr\u00e4gt einen gr\u00fcn-schwarz karierten, langen Rock mit dazugeh\u00f6rigem Sakko unter dem ein Spitzenkragen hervorragt. Ihr Haar befindet sich unter einer Kopfbedeckung, die an ein kunstvoll gewickeltes Samttuch erinnert. Jan Robert von Renesse, Richter am Essener Landessozialgericht, hat Bella Gr\u00fcnwald in den Oak Room des King David Hotels geladen. Bella Gr\u00fcnwald hat Auschwitz \u00fcberlebt. Heute will der dunkelhaarige, entschlossen wirkende Richter sie anh\u00f6ren, ob sie in Ungarn in einem Ghetto war. Ob sie dort \u201eaus eigenem Willensentschluss\u201c gearbeitet hat, wie lange sie gearbeitet hat und ob ihre T\u00e4tigkeiten entlohnt wurden. In der allgemeinen Vorstellung erscheint das, im Gegensatz zum \u00dcberleben im Konzentrationslager oder sp\u00e4terer Zwangsarbeit, als trivial. F\u00fcr den Anspruch auf eine Ghetto-Rente ist es ausschlaggebend. Bella Gr\u00fcnwald ist eine kleine Person. Bei der Suche nach dem richtigen Raum st\u00fctzt sie sich mit der rechten Hand auf ihren schwarzen L-f\u00f6rmigen Gehstock. Sie kommt in Begleitung ihres Sohnes.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nIm Oak Room bestimmen dunkle Eichent\u00f6ne die Atmosph\u00e4re. Blau-wei\u00dfe Vasen und Schalen mit arabesken Blumenmustern fassen B\u00fccher ein, deren Lederr\u00fccken hebr\u00e4ische Titel tragen. Bella Gr\u00fcnwald ist mit der Anwesenheit der beiden Pressevertreterinnen einverstanden. Der Vertreter der Rentenversicherung Rheinland, die bis Juni letzten Jahres 95% der Antr\u00e4ge auf eine Ghetto-Rente von Israelis abgelehnt hat, ist es anfangs nicht. Und stimmt dann doch zu.\n<\/p>\n<h3>&#8220;Im Ghetto gab es kein Wollen&#8221;<\/h3>\n<p>\u201eMan muss meine Kr\u00e4fte ber\u00fccksichtigen. Meine Kr\u00e4fte sind beschr\u00e4nkt\u201c, \u00fcbersetzt die Dolmetscherin Bella Gr\u00fcnwalds erste S\u00e4tze aus dem Hebr\u00e4ischen. Richter von Renesse lehnt sich in seiner Robe nach vorne. Er nickt der Kl\u00e4gerin wohlwollend zu und fordert sie auf, zu erz\u00e4hlen. Bella Gr\u00fcnwald ist anfangs nicht deutlich, wor\u00fcber genau sie erz\u00e4hlen soll und vor allem, ab wann. Sie reckt ihre schmale linke Hand gen Richter und betont \u201eIch kann keine Spitzfindigkeiten. Das ist mir fremd.\u201c Und dann erz\u00e4hlt Bella Gr\u00fcnwald. Wie der B\u00fcrgermeister der ungarischen Stadt Tab junge M\u00e4dchen ausgew\u00e4hlt hat, die arbeiten sollten. Dass sie eine pr\u00e4chtige Stadtverwaltung bauen sollten. An Schachtgruben erinnert sie sich und an ein kleines Taschengeld. Und an ihren Transport nach Auschwitz. Dann schwenkt der Richter zur\u00fcck zum Ghetto. Sie stampft mit dem Gehstock auf und macht heftige Handbewegungen: \u201eAlles erinnere ich. Ich w\u00fcrde mich gerne so gut an heutige Dinge erinnern, wie an Dinge von damals.\u201c Ihren Bericht unterbrechen der Sohn und die israelische Anw\u00e4ltin mit Zwischenrufen eines Ortsnamens. Von ihrer ehemals wohlhabenden Familie erz\u00e4hlt sie, f\u00fcr deren Ern\u00e4hrung die Schwester und sie zust\u00e4ndig waren. Denn mit dem Geld der Familie \u201eh\u00e4tte man nichts machen k\u00f6nnen, au\u00dfer es zu Essen\u201c, erz\u00e4hlt sie energisch und klopft dabei wieder mit dem Gehstock auf den Boden. Als sie vom Transport nach Auschwitz berichtet, emp\u00f6rt sie sich. \u201eDann gibt es Leute, die sagen, das hat es nicht gegeben. Bald gibt es keine Menschen mehr, die das Gegenteil erz\u00e4hlen k\u00f6nnen.\u201c\n<\/p>\n<h3>Rechtsbegriffe ahistorisch und schematisch angewendet<\/h3>\n<p>Am Ende ihrer Schilderungen fragt Imke Hansen, historische Sachverst\u00e4ndige in den Ghetto-Rente Anh\u00f6rungen, nach Details. Was es f\u00fcr ein Tag war, an dem sie ins Ghetto gekommen ist, wie der Ort aussah, in dem sie untergebracht war, was sie aus dem Fenster sehen konnte. Schon w\u00e4hrend der Schilderungen hat sich die dynamische Historikerin \u00fcber Skype mit ihrer ungarischen Kollegin Regina Fritz ausgetauscht, die Expertin f\u00fcr Judenverfolgung in Ungarn ist. Im Anschluss stellt Kristin Platt, die sozialpsychologische Sachverst\u00e4ndige, vorsichtig tastend weitere Fragen nach der Jahreszeit und r\u00fcckt dabei behutsam ihre braune Brille auf der Nase zurecht. Kristin Platt erstellt Glaubw\u00fcrdigkeitsgutachten f\u00fcr das Gericht. Ihre Aufgabe ist es, Erz\u00e4hlungen und deren Strukturen zu dekodieren. \u201eJe fragmentarischer ein Bericht ist, umso glaubw\u00fcrdiger ist er\u201c, erl\u00e4utert sie.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDann schaltet sich Richter von Renesse ein und erkundigt sich nach den W\u00e4chtern und Polizisten. Der Vertreter der Rentenversicherung fragt nach der Kooperation der Stadtverwaltung mit der Polizei. Bella Gr\u00fcnwald antwortet, \u201eIm Ghetto gab es kein Wollen. Das war kein freier Ort.\u201c\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nAnschlie\u00dfend m\u00fcndet die Anh\u00f6rung in die Er\u00f6rterungsphase. Deren \u00dcbersetzung ist f\u00fcr die Kl\u00e4gerin nicht vorgesehen. Die beiden Sachverst\u00e4ndigen geben ihre Stellungnahme ab, die zugunsten der Kl\u00e4gerin ausf\u00e4llt. Aber Kristin Platt kritisiert, die Rechtsanw\u00e4ltin der Kl\u00e4gerin habe offensichtlich versucht, sie vorzubereiten und ihr eine Geschichte in den Mund zu legen. Die Kl\u00e4gerin selbst habe sich jedoch so gut erinnert, dass der Versuch eine Geschichte zu konstruieren, fehlgeschlagen sei. Daraufhin ermahnt Richter von Renesse die Anw\u00e4ltin, \u201eSie schaden damit der Sache und den Klagenden.\u201c\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDer Vertreter der Rentenversicherung runzelt die Stirn, lehnt sich nach vorne, ordnet den dunkelblauen Schlips mit rosafarbenen Streifen hinter der Tischkante und presst seine Fingerkuppen gegeneinander. \u201eEs ist immer das Gleiche. Das ist das Problem\u201c, sagt er und vertieft seine Stirnfalte. Er habe nur einen m\u00e4\u00dfigen Eindruck von dem ganzen Sachverhalt bekommen. Und au\u00dferdem tauche in den Schilderungen ein Zwang auf. Das spreche gegen einen eigenen Willensentschluss. Richter von Renesse spricht jetzt bestimmt und f\u00fchrt die klarstellenden Urteile an, nach denen der Begriff Zwang vor dem historischen Hintergrund anders ausgelegt werden m\u00fcsse. Die beiden verfallen in eine kurze Diskussion. Dann bewilligt der Vertreter der Rentenversicherung den Rentenanspruch f\u00fcr einen Monat. Den Juni des Jahres 1944. Und bezweifelt dennoch, dass Frau Gr\u00fcnwald gleich am ersten Tag des Ghettos \u201elosgelegt habe zu arbeiten.\u201c Nur die Kosten des Verfahrens \u00fcbernehme die Rentenversicherung nach \u201eder versuchten Lenkung der Kl\u00e4gerin durch die Anw\u00e4ltin nicht\u201c.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nIn der Vergangenheit wurden Ablehnungen eher am Schreibtisch ausgestellt. Auf welcher Basis sich das gestaltete, war nicht transparent. Und nach wie vor sehen sich die \u00dcberlebenden mit einer Reihe von Problemen konfrontiert. Die Zahlung von Entgelt nachzuweisen, erwies sich als schwierig. Bis zur Entscheidung des Bundessozialgerichts vom Juni letzten Jahres galten Lebensmittel oder Gutscheine nicht als Entgelt. Ein anderer Streitpunkt blieb die Freiwilligkeit der Arbeit. Bewachungen auf dem Weg zur Arbeit wurden als Zwangsarbeit ausgelegt. Zus\u00e4tzlich wurden den Kl\u00e4gern abgesprochen, sich freiwillig f\u00fcr die Arbeit gemeldet zu haben, da die meisten zum Zeitpunkt ihrer T\u00e4tigkeiten Kinder waren. Au\u00dferdem mangelte es in einigen F\u00e4llen an historischen Quellen, die eine Beweisf\u00fchrung erm\u00f6glicht h\u00e4tten. Bis vor kurzem war die Judenverfolgung in Polen und anderen besetzten Gebieten, die im Rahmen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft stattfand, wenig erforscht. Das hat sich mittlerweile ge\u00e4ndert. Aber selbst dort, wo historische Quellen angef\u00fchrt wurden, nahm die Rentenversicherung davon kaum Notiz. Historiker_innen kritisierten diese Praxis als \u201eahistorisch\u201c und \u201eschematisch\u201c und warnten in einem Appell vor einer Fehlentwicklung. Dieser Appell wirkt umso dringender, als viele Kl\u00e4ger_innen mittlerweile sehr alt oder verstorben sind.\n<\/p>\n<h3>Entscheidung vertagt<\/h3>\n<p>Noch 2005 konstatierte die Bundesregierung, ein Fehlverhalten bei der Umsetzung des ZRBG sei nicht festzustellen. Die hohe Ablehnungsquote sei allein auf die Antragstellenden zur\u00fcckzuf\u00fchren. Genauer auf deren \u201eUnkenntnis \u00fcber die komplizierte und auf den ersten Blick schwer verst\u00e4ndliche Rechtslage\u201c. Bereits 2007 sah sich die Bundesregierung auf Druck von Israel jedoch gezwungen, eine Richtlinie \u00fcber die Anerkennungsleistung f\u00fcr Arbeit im Ghetto zu verabschieden.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nEine wichtige Rolle in den Ghetto-Rente-Verfahren spielten auch die Akten aus dem Bundesentsch\u00e4digungsgesetz. Darin haben \u00dcberlebende nicht \u00fcber ihre Arbeit im Ghetto gesprochen und ansonsten den Zwangscharakter ihrer sp\u00e4teren Arbeiten betont. In den ZRBG Verfahren wurde ihnen das negativ ausgelegt. Die Arbeit im Ghetto wurde schlicht als Zwangsarbeit interpretiert und als Beitragszeit zur Rente abgelehnt. Eine paradoxe Situation: \u00dcberlebende sollen in ihren heutigen Verfahren \u00fcber ihre \u201eaus eigenem Willensentschluss\u201c ausgef\u00fchrten T\u00e4tigkeiten im Ghetto sprechen, die gegen Bezahlung stattfanden. Das allein ist f\u00fcr den Rentenanspruch entscheidend. Nicht das Ausma\u00df ihrer Verfolgungsgeschichte.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nMit diesen Herausforderungen sah sich auch Bella Gr\u00fcnwald konfrontiert. Sichtlich ersch\u00f6pft stimmt sie am Ende den Formalien zu und geht danach mit kleinen Schritten aus dem Raum. Auf dem Flur bespricht ihr Sohn noch etwas mit dem Richter. Bella Gr\u00fcnwald sinkt ermattet in einen der samtenen Sessel im angrenzenden Reading Room. Im ged\u00e4mpften Licht scheint sie fast mit dem Sitzm\u00f6bel zu verschwimmen. F\u00fcr die verarmte \u00dcberlebende ist eine Rente von 150 Euro im Monat bedeutsam. Dann verl\u00e4sst sie langsam mit ihrem Sohn das Hotel und wird vom abendlichen Nebel verschluckt.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDie hohe Dreht\u00fcr kreist noch ein wenig weiter. Genauso wie die Auseinandersetzung f\u00fcr viele \u00dcberlebende um ihre Ghetto-Rente.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nF\u00fcr Andere kommt die Auseinandersetzung zu sp\u00e4t. Viele Antragsstellende sind mittlerweile gestorben. Am n\u00e4chsten Tag dreht sich die Anh\u00f6rung im Zoah House in Tel-Aviv, um die Rentenanspr\u00fcche der Witwe des Verstorbenen. Dazu sind zwei \u00dcberlebende als Zeugen geladen, die von den T\u00e4tigkeiten des Verstorbenen im Ghetto Lodz berichten. Au\u00dfer der Kl\u00e4gerin und den Mitte 80-J\u00e4hrigen Zeugen, befinden sich drei historische Sachverst\u00e4ndige, zwei Dolmetscherinnen, eine sozialpsychologische Gutachterin, die israelische Anw\u00e4ltin, die deutsche Konsulin und eine andere Mitarbeiterin des deutschen Konsulats, zwei weitere Personen, der Vertreter der Rentenversicherung und Richter von Renesse in dem kleinen Raum. Bei der Er\u00f6rterung des Sachverhaltes ist der Vertreter der Rentenversicherung Rheinland nicht mit der Anwesenheit der Presse einverstanden. Ob Frau G. die Ghetto-Rente ihres Mannes bekommt, wird an diesem Tag nicht entschieden. Eine traurige Bilanz in diesem Spiel auf Zeit.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nText: Nina Schulz<br \/>\nAlle Fotos: Elisabeth Mena Urbitsch\n<\/p>\n\n<div class=\"ngg-galleryoverview ngg-template-caption\" id=\"ngg-gallery-283c5876e76e957f42dc7415533b8263-43\">\n\n\n\t<!-- Thumbnails -->\n    \t\t\n\t<div id=\"ngg-image-10\" class=\"ngg-gallery-thumbnail-box\"  >\n\t\t<div class=\"ngg-gallery-thumbnail\" >\n\t\t\t<a href=\"http:\/\/q-words.net\/wp-content\/gallery\/ghetto-rente\/ghetto_rente0.jpg\"\n               title=\" \"\n               class=\"shutterset_283c5876e76e957f42dc7415533b8263\" data-image-id=\"10\" data-src=\"http:\/\/q-words.net\/wp-content\/gallery\/ghetto-rente\/ghetto_rente0.jpg\" data-thumbnail=\"http:\/\/q-words.net\/wp-content\/gallery\/ghetto-rente\/thumbs\/thumbs_ghetto_rente0.jpg\" data-title=\"Bat Sheva\" data-description=\" \" >\n\t\t\t\t\t\t\t\t<img title=\"Bat Sheva\" alt=\"Bat Sheva\" 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S.32-33<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberlebende der Ghettos streiten seit Jahren mit deutschen Rentenversicherern \u00fcber ihre Rentenanspr\u00fcche aus Besch\u00e4ftigungen im Ghetto. Kein Gesetz in der Geschichte der Wiedergutmachung in der Bundesrepublik hat eine so hohe Ablehnungsquote von Entsch\u00e4digungsantr\u00e4gen zur Folge gehabt, wie das \u201eGesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus der Besch\u00e4ftigung in einem Ghetto\u201c, kurz ZRBG.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[8,10],"tags":[3,7],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43"}],"collection":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=43"}],"version-history":[{"count":16,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":418,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43\/revisions\/418"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=43"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=43"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=43"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}