{"id":199,"date":"2005-11-14T13:33:17","date_gmt":"2005-11-14T13:33:17","guid":{"rendered":"http:\/\/q-words.net\/?p=199"},"modified":"2011-02-25T13:06:13","modified_gmt":"2011-02-25T13:06:13","slug":"die-hindernisse-lauern-auserhalb-des-rings","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/q-words.net\/?p=199","title":{"rendered":"Die Hindernisse lauern au\u00dferhalb des Rings"},"content":{"rendered":"<p>Lediglich drei Paar Boxhandschuhe hat Michele Aboro aufbewahrt. Abgewetzt und faltig liegen sie unter dem Regal ihres Einzimmer-Apartments: ein Paar ist von ihrem letzten Kampf; eins ist ihr ehemaliges Sparringspaar und eins tr\u00e4gt sie heute beim Training.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nFr\u00fcher besa\u00df die ehemalige WIBF-Boxweltmeisterin im Federgewicht Unmengen dieser Faustmodelle: 21 von ihren K\u00e4mpfen als Profiboxerin, mehr als 38 von denen als Kickboxerin, einige Ringpaare von Kollegen und geschichtstr\u00e4chtige Exemplare von 1910 und 1915. \u201eIch musste mein Leben vom Boxen entr\u00fcmpeln\u201c, betont Aboro. Ende 2001 hatte die Universum Box-Promotion GmbH pl\u00f6tzlich und unerwartet ihren Vertrag gek\u00fcndigt, weil das ZDF die unbesiegte Boxerin f\u00fcr nicht vermarktbar hielt. \u201eMeine Karriere haben das ZDF und Universum beendet\u201c, betont die ungeschlagene Weltmeisterin k\u00e4mpferisch. Bis zu diesem Datum schien sich die schwarze, offen lesbische lebende Athletin unaufhaltsam empor zu boxen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Ansporn<\/h3>\n<p>Begonnen hat Aboros Karriere in Gro\u00dfbritannien. Aufgewachsen ist die geb\u00fcrtige Britin Mitte der 1970er Jahre in einem s\u00fcdlichen Stadtteil Londons. \u201ePeckham hatte einen \u00fcblen Ruf. Die Polizei hielt sich lieber fern\u201c, erkl\u00e4rt die 36j\u00e4hrige. Aber tats\u00e4chlich sei das Zusammenleben dort sehr nachbarschaftlich gewesen. \u201eTrotzdem sind solche Orte ein Ansporn. Du bekommst Hunger auf etwas Besseres, etwas Neues.\u201c\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDen Hunger stillte sie, als sie 1988 mit Thai- und Kickboxen anfing. Nach drei Monaten war sie bereits Britische Meisterin. Insgesamt hat die Ausnahme-Athletin allein im Thai- und Kickboxen f\u00fcnf Britische, einen Europ\u00e4ischen und drei Weltmeistertitel gewonnen. 1995 zog sie nach Amsterdam und trainierte im Johan Vos Gym. Als sich keine Gegnerinnen mehr fanden, wechselte die Topsportlerin zum Profiboxen. Im Sparring gegen Regina Halmich wurde Aboro entdeckt. 1997 boxte sie gegen Daisy Lang. Das Hamburger Boximperium Universum sicherte der Siegerin einen Vertrag zu. Aboro gewann den Kampf \u00fcberragend. Aber einen Vertrag mit dem gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Boxstall bekamen beide.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n\u201eVon nun an konnte ich mich voll und ganz dem Boxen widmen. Ich musste nicht mehr nebenbei arbeiten. Das war ein Geschenk\u201c, erinnert sie sich. Und gleichzeitig ein Problem, reflektiert Aboro heute. Sie habe sich nur auf das K\u00e4mpfen konzentriert und nicht auf andere Aspekte des Box-Zirkus. \u201eVielleicht bin ich dadurch eine gute K\u00e4mpferin gewesen. Aber meine Karriere hat es abgek\u00fcrzt\u201c, kritisiert sie.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Kommerzialisierung<\/h3>\n<p>F\u00fcr sie lauerten die un\u00fcberwindbaren Hindernisse nur au\u00dferhalb des Rings. Genauso wie andere Sportarten sei auch das Boxen einem Kommerzialisierungsdiktat unterworfen. \u201eDie Nummer eins im Boxen ist das Marketing\u201c, erl\u00e4utert Aboro. \u201eFirmen wollen Sportler in eine individuelle Illusion, eine Traumfigur f\u00fcr Herrn oder Frau Norm verwandeln\u201c, analysiert die Profiboxerin. \u201eEs ist eine Art des `Sex sells\u00b4. Ein Anreiz.\u201c Und ein Vermarktungsspiel, dessen Regeln sie sich widersetzte. Denn \u201eich bin eine Athletin und kein Playmate\u201c, konstatiert die Weltmeisterin. Aber nach wie vor spielen Hautfarbe, unangepasstes Rollenverhalten und sexuelle Orientierung eine gewichtige Rolle f\u00fcr den Erfolg. \u201eHautfarbe ist ein Problem, Sexualit\u00e4t ist ein Problem, wenn sie nicht der heterosexuellen Norm entspricht, Ethnizit\u00e4t ist ein Problem. Zumindest in der Bundesrepublik\u201c, kritisiert Aboro. \u201eSolange Du all\u00b4 das versteckst, ist es in Ordnung. Aber das konnte und wollte ich nicht. Und dann hast Du wirklich ein gro\u00dfes Problem.\u201c\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDiesem Problem begegnete sie Ende 2001. Mit einem lapidaren Fax beendete ihr damaliger Arbeitgeber Universum ihren Vertrag. Wortw\u00f6rtlich stand dort, \u201eSie sind nicht mehr exklusiv bei Universum unter Vertrag. Von heute an k\u00f6nnen Sie f\u00fcr andere Boxverb\u00e4nde k\u00e4mpfen.\u201c F\u00fcr Aboro war das ein Schock. Sie stieg in den n\u00e4chsten Zug von Amsterdam nach Hamburg und verlangte eine Antwort. Das ZDF sei der Ansicht, sie sei im Fernsehen nicht zu vermarkten, bekam sie dort zu h\u00f6ren. Eine eigenst\u00e4ndige Begr\u00fcndung des Hamburger Boxstalls blieb aus. \u201eDann habe ich vor dem Arbeitsgericht geklagt. Um Antworten zu bekommen. Um Arbeitsrechte einzufordern, auch f\u00fcr andere Boxer. Wir sind keine Sklaven dieses Konzerns\u201c, berichtet Aboro.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Neue T\u00f6ne<\/h3>\n<p>Das Landesarbeitsgericht in Hamburg hat die Klage abgewiesen. Ob sie dagegen Rechtsmittel einlegt, steht derzeit noch nicht fest. Eine Entscheidung hat sie im August diesen Jahres getroffen: zumindest im Ring will sie sich nicht mehr messen. \u201eBoxen hat mir ein Leben in Freiheit erm\u00f6glicht. Wo ich heute stehe und wer ich bin, verdanken ich dem Boxen. Es hat mir eine Menge T\u00fcren ge\u00f6ffnet\u201c, berichtet die diplomierte Sportlehrerin r\u00fcckblickend. Trainieren will sie weiterhin, andere und sich selbst. Aber jetzt m\u00fcsse sie gehen. In einer ehemaligen Kirche im Herzen Amsterdams, dem jetzigen Veranstaltungsort Paradiso, werde sie bereits erwartet. Nicht um zu boxen, sondern um den Sound auszusteuern. Das ist das neue Standbein der frisch absolvierten Tontechnikerin. \u201eFr\u00fcher hatte ich f\u00fcr meine andere Vorliebe die Musik, keine Zeit. Da gab es nur das Boxen. Das ist jetzt anders\u201c, l\u00e4chelt sie und schlie\u00dft die T\u00fcr hinter sich.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nNina Schulz\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h4>Hintergrund:<\/h4>\n<p>Im Bantamgewicht und Federgewicht bestritt Michele Aboro 21 K\u00e4mpfe als Profiboxerin. Sie gewann alle, 12 davon mit K.O. Titel Aboros: 1999 WIBF Weltmeisterin im Federgewicht (bis 57,15 kg), 1998 WEBF Europameisterin im Bantamgewicht (53,5 kg)\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDie Dokumentation \u201eA Knockout\u201c (Tessa Boerman, Samu\u00ebl Reiziger, Niederlande 2004, E, 52 Min.) handelt von Aboros Leben als Profiboxerin.  Der Film beleuchtet kritisch welche Rolle Hautfarbe, unangepasstes Rollenverhalten und sexuelle Orientierung nach wie vor in Profisportarten spielen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h4>Ver\u00f6ffentlichungen:<\/h4>\n<p>Artikel <em>Die Hindernisse lauern au\u00dferhalb des Rings<\/em>, Frankfurter Rundschau, 14.11.2005, S.21<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lediglich drei Paar Boxhandschuhe hat Michele Aboro aufbewahrt. 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