{"id":179,"date":"2005-11-23T13:55:30","date_gmt":"2005-11-23T13:55:30","guid":{"rendered":"http:\/\/q-words.net\/?p=179"},"modified":"2012-11-14T08:32:56","modified_gmt":"2012-11-14T08:32:56","slug":"abgelaufene-solidaritat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/q-words.net\/?p=179","title":{"rendered":"Abgelaufene Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>[Not a valid template] Dreizehn Jahre nach dem Brandanschlag von M\u00f6lln k\u00e4mpfen die \u00dcberlebenden noch immer: mit Beh\u00f6rden, leeren Versprechungen und der eigenen Erinnerung.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nHava Arslans Stimme wird leise und ruhig, wenn sie von der Brandnacht spricht. \u201eAn diesem Tag bin ich gestorben\u201c, erz\u00e4hlt sie in sich gekehrt. \u201eImmer, wenn dieser Tag naht, denke ich daran, dass ich wieder sterbe.\u201c Am 23. November 1992 wurden ihre Tochter Yeliz, ihre Schwiegermutter Bahide und ihre Nichte Ayse Yilmaz durch einen Brandanschlag umgebracht. \u201eDanach hat sich die Welt um 180 Grad gedreht\u201c, berichtet die \u00dcberlebende.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nAm 23. November 1992 gegen 01:00 Uhr warfen die Neonazis Michael Peters und Lars Christiansen mehrere Molotow-Cocktails in das Haus in der M\u00f6llner Altstadt. Dann riefen sie bei der Polizei an: \u201eIn der M\u00fchlenstra\u00dfe brennt es. Heil Hitler.\u201c Bereits um 00:30 Uhr hatten sie einen ersten Brandanschlag auf die Ratzeburger Stra\u00dfe 13 ver\u00fcbt. Dort wohnten ebenfalls Personen t\u00fcrkischer Herkunft. Neun von ihnen erlitten schwere Verletzungen. In der M\u00fchlenstra\u00dfe 9 aber griff das Feuer vom Treppenaufgang auf das Obergeschoss \u00fcber. Hava Arslan rettete ihrem siebenmonatigen Sohn Namik das Leben, indem sie ihn aus dem Fenster des zweiten Stocks in die Arme von Helfenden warf. Dann sprang sie selbst. Ebenso wie ihre Schw\u00e4gerin Ayten mit ihrem Sohn. Alle drei zogen sich schwere Verletzungen zu. Havas siebenj\u00e4hriger Sohn Ibrahim wurde von der Schwiegermutter Bahide in T\u00fccher gewickelt. Neben dem K\u00fchlschrank verbarg sie ihn vor den Flammen. Dort harrte er aus. Erst nach Stunden barg ihn die Feuerwehr. Als das Feuer ausbrach, hielt sich Faruk Arslan in Hamburg auf. Bis ihn ein Freund anrief: \u201eEuer Haus brennt\u201c. Als Faruk Arslan in M\u00f6lln ankam, brannte es noch immer. F\u00fcr seine 51-j\u00e4hrige Mutter Bahide Arslan,  seine zehnj\u00e4hrige Tochter Yeliz und seine vierzehnj\u00e4hrige Nichte Ayse Yilmaz kam jedoch jede Hilfe zu sp\u00e4t.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nSchon seit l\u00e4ngerem dominierte die Asyldebatte das bundesdeutsche Tagesgeschehen. Vorausgegangen waren dem t\u00f6dlichen Brandanschlag von M\u00f6lln bereits rassistische Ausschreitungen in Hoyerswerda im September 1991 und in Rostock-Lichtenhagen im August 1992. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) sprach im Oktober von einem \u201eStaatsnotstand\u201c, der durch Asylbewerber ausgel\u00f6st werde.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>&#8220;Beileidstourismus&#8221;<\/h3>\n<p>Aus der gesamten Bundesrepublik und aus dem Ausland trafen nach den Morden von M\u00f6lln Beileidsbekundungen f\u00fcr die Opfer ein. Die spontanen Solidarit\u00e4tskundgebungen und Lichterketten bezeichnete Kohl als \u201eBeileidstourismus\u201c. Der ehemalige Ministerpr\u00e4sident Schleswig-Holsteins Engholm (SPD) und Bundesarbeitsminister Bl\u00fcm (CDU) fuhren zum Ort des Geschehens und sprachen mit den Hinterbliebenen. Versprochen wurde ihnen vieles. Gehalten nur wenig. Letztendlich sei es den Politikern vor allem um das Ansehen Deutschlands gegangen und nicht um die Betroffenen, stellt Faruk Arslan fest. Im Brandhaus sollte ein Dokumentationszentrum \u00fcber die Brandanschl\u00e4ge eingerichtet werden. Der Rest des Geb\u00e4udes war als Wohnraum f\u00fcr die Familie Arslan gedacht. 1996 rief die Kleinstadt eine Begegnungsst\u00e4tte ins Leben. Ein eigenes Dokumentationszentrum entstand jedoch nie. Erst 1999 benannte die Stadt M\u00f6lln das Geb\u00e4ude nach Bahide Arslan und brachte an dem Haus eine Gedenktafel mit den Namen der drei Ermordeten an. Von einem neofaschistischen Brandanschlag ist darauf nichts zu lesen. Aber in dem Haus zu leben, hielt die Familie nicht lange aus. \u201eJeden Tag mussten wir \u00fcber die Stelle laufen, an der wir unsere Liebsten verloren haben\u201c, schildert Faruk Arslan.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nDeswegen zog die Familie vor f\u00fcnf Jahren aus M\u00f6lln weg.  \u201eWir wollten ein neues Leben anfangen\u201c, berichtet der Familienvater. Denn alle erwachsenen Familienmitglieder sind schwer traumatisiert und k\u00e4mpfen bis heute mit den seelischen und k\u00f6rperlichen Folgen des Brandanschlags. Die \u00c4mter machten ihnen jedoch einen Strich durch die Rechnung. An den ersten Besuch beim Sozialamt erinnert sich Faruk Arslan noch genau. Die zust\u00e4ndige Sachbearbeiterin stellte ihn zur Rede, wer er denn eigentlich sei. Dann erz\u00e4hlte er, von dem Brandanschlag, von der Familie, von ihrem geplanten Neuanfang. Der darauffolgende Satz geht ihm bis heute nicht aus dem Kopf: \u201eDa hat sie wortw\u00f6rtlich zu mir gesagt: \u201eSie haben noch keinen Terror gesehen. Der Terror f\u00e4ngt jetzt erst an.\u201c\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Terror<\/h3>\n<p>Der Terror \u00e4u\u00dferte sich von da an jeden Monat in einer Mischung aus Willk\u00fcr,  Respektlosigkeit und b\u00fcrokratischen Drohgeb\u00e4rden. Das Sozialamt zahlt die Leistungen entweder gar nicht oder erst Wochen sp\u00e4ter. St\u00e4ndig muss die Familie Unterlagen einreichen, entweder neue oder alte, bereits beigebrachte. 2002 schalteten sie den Anwalt Joachim Schaller ein. \u201eAu\u00dfer eines Mitarbeiters beim Rechtsamt des Bezirksamts hat bisher keine zust\u00e4ndige Stelle die besondere Situation der Familie ber\u00fccksichtigt\u201c, kritisiert der Rechtsanwalt. \u201eStattdessen werden sie als l\u00e4stige Antragssteller behandelt\u201c, f\u00e4hrt er fort.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nNeben den monatlichen Auseinandersetzungen mit dem Sozialamt bem\u00fcht sich der Sozialrechtsspezialist auch um Opferentsch\u00e4digung f\u00fcr die Arslans. Eine Rente nach dem Opferentsch\u00e4digungsgesetz hat bisher nur Ibrahim Arslan erhalten. Die wurde ihm Anfang 2005 wieder aberkannt. Die Sch\u00e4digungsfolgen erreichen nach Ansicht der Beh\u00f6rde keinen rentenberechtigenden Grad mehr. Ebenso wie bei seiner Mutter, Hava Arslan. Gegen beide Bescheide klagt der Anwalt und beruft sich auf \u00e4rztliche Atteste. F\u00fcr Faruk Arslan vers\u00e4umte es die damalige Rechtsanw\u00e4ltin einen Antrag auf Opferentsch\u00e4digung zu stellen.  Das holte Rechtsanwalt Schaller 2002 nach. Denn der Familienvater ist aufgrund des Brandanschlags erwerbsunf\u00e4hig. Der Antrag wurde abgelehnt. Angeblich sei keine Sch\u00e4digungsfolge feststellbar, die auf den Brandanschlag zur\u00fcckzuf\u00fchren sei. Der Antrag befindet sich im Widerspruchsverfahren.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Niemals ruhen<\/h3>\n<p>Dem diesj\u00e4hrigen Gedenktag schaut die Familie mit Skepsis entgegen. Im letzten Jahr erhielt sie einen Brief des M\u00f6llner B\u00fcrgermeisters. Darin bat Wolfgang Engelmann vom \u201eappellativen Charakter eines Schweigemarsches abzusehen.\u201c Gegen\u00fcber der FR betonte er, dass der Schweigemarsch bei der t\u00fcrkischen Bev\u00f6lkerung M\u00f6llns Angst ausgel\u00f6st h\u00e4tte. \u201eEinige dachten, ein Schweigemarsch k\u00f6nnte provozieren und Ausl\u00f6ser f\u00fcr erneute Bedrohungen von rechts sein\u201c, behauptet der B\u00fcrgermeister. Seitdem h\u00e4lt die Stadt eine andere Form des Gedenkens f\u00fcr angemessen. Sie begeht den Tag mit einer stillen Andacht vor dem Brandhaus und einem \u00f6kumenischen Gottesdienst, der im Wechsel in der Moschee, der katholischen und evangelischen Kirche und in der Begegnungsst\u00e4tte \u201eMiteinander Leben\u201c stattfindet. Das Verh\u00e4ltnis zur Familie sei seit ihrem Umzug \u201eein wenig eingeschlafen.\u201c F\u00fcr die Arslans stellt sich das jedoch anders dar. 2003 ging die Familie nach den Gedenkfeierlichkeiten in die Begegnungsst\u00e4tte. \u201eDort wurden wir nicht einmal begr\u00fc\u00dft. Nicht einmal ein Tee wurde uns angeboten\u201c, kritisiert Faruk Arslan. Manchmal h\u00e4tten sie das Gef\u00fchl, M\u00f6lln sei sehr froh, dass sie weg seien. Aber Hava Arslan betont entschlossen \u201eWir werden immer wieder da sein.\u201c \u201eM\u00f6lln w\u00fcrden das Geschehene gerne unter den Tisch kehren\u201c, sagt ihr Mann. \u201eAber das geht nicht, weil die Familie Arslan noch lebt und die Kanzlei Schaller auch. Sie wissen, dass das niemals ruhen wird.\u201c\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nVieles ruht auch heute nicht f\u00fcr die Familie. Deswegen haben sie sich entschlossen, ein Buch \u00fcber ihr Leben zu schreiben. Aber \u201eeinige Leute wird es nat\u00fcrlich nicht freuen, was wir schreiben\u201c, vermutet Faruk Arslan. \u201eDenn von der Gerechtigkeit hat bisher keiner erz\u00e4hlt\u201c, sagt er. Das solle jetzt anders werden. Auf der Website der Stadt M\u00f6lln ist f\u00fcr den 23. November, 2005 eine naturkundliche F\u00fchrung im Bereich des M\u00f6llner Wildparks angek\u00fcndigt.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nText: Nina Schulz<br \/>\nAlle Fotos: Elisabeth Mena Urbitsch\n<\/p>\n\n<div class=\"ngg-galleryoverview ngg-template-caption\" id=\"ngg-gallery-5a08c4ad3b7a615aa2edf8a0ebda5055-179\">\n\n\n\t<!-- Thumbnails -->\n    \t\t\n\t<div id=\"ngg-image-30\" class=\"ngg-gallery-thumbnail-box\"  >\n\t\t<div class=\"ngg-gallery-thumbnail\" >\n\t\t\t<a href=\"http:\/\/q-words.net\/wp-content\/gallery\/arslan\/arslan1.jpg\"\n               title=\" \"\n               class=\"shutterset_5a08c4ad3b7a615aa2edf8a0ebda5055\" data-image-id=\"30\" data-src=\"http:\/\/q-words.net\/wp-content\/gallery\/arslan\/arslan1.jpg\" data-thumbnail=\"http:\/\/q-words.net\/wp-content\/gallery\/arslan\/thumbs\/thumbs_arslan1.jpg\" data-title=\"arslan1\" data-description=\" \" >\n\t\t\t\t\t\t\t\t<img title=\"arslan1\" alt=\"arslan1\" 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Im Dezember 1993 verurteilte sie das Oberlandesgericht Schleswig nach 47 Verhandlungstagen wegen Mordes und besonders schwerer Brandstiftung zu H\u00f6chststrafen. Peters (damals 25) zu einer lebenslangen und Christiansen (damals 19) nach Jugendstrafrecht zu 10 Jahren Freiheitsstrafe. Als Chef einer Neonazigruppe war Peters bereits zuvor an \u00dcberf\u00e4llen auf Asylbewerberheime beteiligt gewesen. Beide widerriefen ihre vorherigen Gest\u00e4ndnisse. Christiansen ist seit Juni 2000 auf Bew\u00e4hrung entlassen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h4>Ver\u00f6ffentlichungen:<\/h4>\n<p>Artikel <em>Abgelaufene Solidarit\u00e4t<\/em>, Frankfurter Rundschau, 23.11.2005<br \/>\nArtikel <em>M\u00f6lln-dreizehn Jahre sp\u00e4ter: Wir werden immer wieder da sein<\/em>, analyse&#038;kritik, 16.12.2005<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dreizehn Jahre nach dem Brandanschlag von M\u00f6lln k\u00e4mpfen die \u00dcberlebenden noch immer: mit Beh\u00f6rden, leeren Versprechungen und der eigenen Erinnerung.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[8,10],"tags":[3,16],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/179"}],"collection":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=179"}],"version-history":[{"count":23,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/179\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":519,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/179\/revisions\/519"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=179"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=179"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=179"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}