{"id":174,"date":"2005-07-07T17:55:21","date_gmt":"2005-07-07T17:55:21","guid":{"rendered":"http:\/\/q-words.net\/?p=174"},"modified":"2011-02-25T13:18:00","modified_gmt":"2011-02-25T13:18:00","slug":"archiv-der-gassenhauer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/q-words.net\/?p=174","title":{"rendered":"Archiv der Gassenhauer"},"content":{"rendered":"<p>50 Sekunden Berichterstattung in den nationalen Fernsehnachrichten. Mehr \u00d6ffentlichkeit gestanden die britischen Fernsehsender 1994 der Protest-Kampagne gegen die Ausdehnung der Londoner Stadtautobahn M11 nicht zu. W\u00e4re da nicht eine Gruppe britischer Videoaktivisten gewesen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, \u201edie Nachrichten, die Sie nicht in den  Nachrichten sehen\u201c, zu produzieren.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nGenervt vom Fernsehen, das die pulsierenden britischen Protestbewegungen der 1990er Jahre trivialisierte oder einfach ignorierte, gr\u00fcndeten Thomas Harding, Jamie Hartzell, Zoe Broughton und Paul O\u2019Connor 1993 die Gruppe Undercurrents \u2013 eine gemeinn\u00fctzige Organisation von Camcorder-Aktivisten. Ihr erstes Video \u00fcber die M11-Proteste You\u2019ve gotta be chokin\u2019 dauerte 35 Minuten, bekam zahlreiche Preise auf Filmfestivals und erlangte als der ma\u00dfgebliche Dokumentarfilm \u00fcber britische Autobahngegner internationale Ber\u00fchmtheit.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Cricket auf Genfeldern<\/h3>\n<p>Undercurrents sind w\u00f6rtlich genommen die unsichtbaren Unterstr\u00f6mungen eines Flusses. Paul O\u2019Connor erkl\u00e4rt sie als \u201emachtvolle Kr\u00e4fte, die am Rand der Mainstream-Gesellschaft wachsen, bis sie, scheinbar aus dem  Nichts, oberirdisch auftauchen\u201c. Das Videokollektiv schl\u00e4gt sich auf Seiten der Protestler, Objektivit\u00e4t liegt den Camcorder-Aktivsten fern. Ihre zehn 90-min\u00fctigen auf eigene Faust vertriebenen Videomagazine wurden mehrfachpreisgekr\u00f6nt \u2013 sie berichteten unter dem Label Undercurrents unnachgiebig \u00fcber Umweltzerst\u00f6rung, Polizeibrutalit\u00e4t, radikale Proteste, Raves, Rassismus und Cricket auf gentechnischen Versuchsfeldern. 1999 \u00e4nderten die Medienkritiker ihr Format: Die neue Reihe Global Views dokumentierte Folgen der Globalisierung weltweit. Neben Hintergr\u00fcnden \u00fcber Global Players wie IWF, Weltbank und WTO brachte sie Informationen \u00fcber internationale direkte Anti-Globalisierungs-Aktionen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nHeute produzieren die Medienkreativen Videoformate, Filme f\u00fcr das Netz und DVD-Zusammenstellungen mit Animationen, Dokumentationen und experimentellen Werken radikaler Produzenten. Sie bieten Workshops zu Medienaktivismus an, touren mit ihren Filmen auf Festivals und organisieren seit sechs Jahren das BeyondTV Video-Aktivismus-Festival. Das von Thomas Harding herausgegebene Video-Activist-Handbook ist inzwischen zu einer Art Manifest f\u00fcr kritische Filmschaffende geworden.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Camcordistas<\/h3>\n<p>Auch in den etablierten Medien gelten die Videoaktivisten, die sich selbst Camcordistas nennen, als journalistisches Ph\u00e4nomen. Der fr\u00fchere Pressesprecher Margaret Thatchers, Sir Bernhard Ingham, kommentierte das subversive Potential der Videos als \u201eeinen Versuch, Autorit\u00e4ten zu unterlaufen und zu provozieren\u201c. Der britische Schriftsteller und Filmjournalist John Pilger, der selbst auf Seiten der Globalisierungskritiker steht, sieht genau dieses Potenzial positiv \u2013 denn \u201ein einem Zeitalter der Medienkonformit\u00e4t, m\u00fcssen wir mehr abweichende Stimmen h\u00f6ren\u201c.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nCamcordista Paul O\u2019Connor glaubt, seine Aktivisten h\u00e4tten w\u00e4hrend der 90er Jahre viele junge Journalisten beeinflusst, die jetzt in einflussreichen Positionen s\u00e4\u00dfen. \u201eSie haben ein ausgepr\u00e4gteres Verst\u00e4ndnis  daf\u00fcr, warum Hunderttausende aus Protest auf die Stra\u00dfe gehen.\u201c Die Camcorder-Optik benutzen mittlerweile zumindest alle gr\u00f6\u00dferen Medienanstalten.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Your are not alone<\/h3>\n<p>In einem \u201eArchive of Dissent\u201c haben Undercurrents gut 2000 Stunden Filmmaterial von radikalen Protesten aus der ganzen Welt gesammelt. Mehr als 100 Fernsehanstalten in 15 L\u00e4ndern greifen darauf zur\u00fcck, auch die Sender BBC, ITN, Channel 4, Sky und CNN. Regisseur Michael Moore nutzte Material daraus f\u00fcr seine Dokumentation Fahrenheit 9\/11. Der alternative Absatzmarkt f\u00fcr Nachrichten ist nach O\u2019Connors Meinung notwendiger denn je, die Berichterstattung \u201eim so genannten Krieg gegen den Terror\u201c findet er schlichtweg gr\u00e4sslich. \u201eEine BBC-Journalistin hat gerade unser Videoaktivisten-Handbuch gekauft, weil sie \u00fcber die G8-Proteste berichtet und wissen m\u00f6chte, was sie erwartet. Das zeigt, wie n\u00fctzlich wir f\u00fcr den Mainstream sind.\u201c\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nAuf die Frage, ob eine t\u00e4gliche, alternative Nachrichtensendung in den etablierten Medien etwas \u00e4ndern w\u00fcrde, wenn es hie\u00dfe \u201eGood evening, here is the real news\u201c, kann O\u2019Connor nur schmunzeln. Er sieht die Sendestationen im Bund mit globalen Marken und glaubt nicht an Chancen f\u00fcr seine Wahrheit. \u201eEs ist besser, ein lebendiges Netzwerk von Auff\u00fchrungen in Kinos und kommunalen Zentren zu haben und das Fernsehen zu umgehen.\u201c\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nAuch beim G8-Gipfel, der noch bis Samstag im hochgesicherten Nobelhotel Gleneagles, Schottland, stattfindet, werden die Undercurrents dabei sein. Sie werden Dokumentations-Workshops anbieten, Videoberichte \u00fcber Proteste ins Netz stellen, das alternative Medienzentrum vor Ort mit organisieren, ihre Filme zeigen \u2013 und nat\u00fcrlich selber filmen. \u201eYou are not alone, you are on camera\u201c bekommt f\u00fcr sie dann eine gesellschaftspolitische Bedeutung.<br \/>\nDass dabei mehr als 50 Sekunden Berichterstattung herauskommen, ist inzwischen ziemlich sicher.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nNina Schulz\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nMehr Infos unter: <a href=\"http:\/\/www.undercurrents.org\">www.undercurrents.org<\/a>\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h4>Ver\u00f6ffentlichungen:<\/h4>\n<p>Artikel <em>Archiv der Gassenhauer<\/em>, S\u00fcddeutsche Zeitung, 07.07.2005<br \/>\nArtikel <em>Die unsichtbaren Str\u00f6mungen<\/em>, Menschen machen Medien Magazin, 09\/10 2005<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>50 Sekunden Berichterstattung in den nationalen Fernsehnachrichten. Mehr \u00d6ffentlichkeit gestanden die britischen Fernsehsender 1994 der Protest-Kampagne gegen die Ausdehnung der Londoner Stadtautobahn M11 nicht zu. 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