{"id":159,"date":"2006-12-25T16:57:46","date_gmt":"2006-12-25T16:57:46","guid":{"rendered":"http:\/\/q-words.net\/?p=159"},"modified":"2011-02-25T12:34:23","modified_gmt":"2011-02-25T12:34:23","slug":"die-bilder-des-zeugen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/q-words.net\/?p=159","title":{"rendered":"Die Bilder des Zeugen"},"content":{"rendered":"<p>Musa Sadulaev geht gro\u00dfe Risiken ein &#8211; allein durch die Tatsache, in Tschetschenien eine Fotokamera mit einem Film zu besitzen. So wie einmal, als ihn Soldaten der russischen F\u00f6deration festnahmen. Im Verh\u00f6r mit einem ranghohen Offizier gab er an, eine k\u00fcrzlich verstorbene Oma fotografiert zu haben.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n&#8220;Wenn sie mir nicht glauben, k\u00f6nnen sie das Foto mit der Negativnummer C41 entwickeln.&#8221; Die Antwort, glaubt er, habe ihm das Leben gerettet. Sadulaev bekommt seinen Fotoapparat ausgeh\u00e4ndigt und kann den Verh\u00f6rort, ein Busdepot, verlassen. Sp\u00e4ter erf\u00e4hrt er, dass dies im ersten Tschetschenienkrieg der schrecklichste Ort des ganzen Landes war. Dort seien Menschen gequ\u00e4lt, gefoltert und get\u00f6tet worden. Das war 1995.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n\u2028\u2028Auf Einladung der Hamburger Stiftung f\u00fcr politisch Verfolgte kam Sadulaev 2005 mit mehr als 1300 Aufnahmen in die Hansestadt. Eine Auswahl ist in seiner aktuellen Ausstellung zu sehen. Seit September ist der 38-J\u00e4hrige mit seinem elfj\u00e4hrigen Sohn Adam wieder in Tschetschenien. Er k\u00fcmmert sich um seine 72-j\u00e4hrige Mutter und um seine Mission: &#8220;diesen Krieg zu dokumentieren&#8221;, damit die Welt Zeuge bleibt. \u2028\u2028Sadulaev ist 1968 in Kasachstan geboren. Er ist Kriegsfotograf und gilt als politischer Akteur, als St\u00f6rfaktor f\u00fcr alle Seiten. Die K\u00e4mpfe und Opfer, das Attentat auf Pr\u00e4sident Achmad Kadyrow 2004, die Geiselnahme von Beslan &#8211; welchen neuen Tiefpunkt der brutal gef\u00fchrte Krieg in Tschetschenien auch erreicht: Musa Sadulaev ist da und dr\u00fcckt auf den Ausl\u00f6ser seiner Kamera. Partei ergreift er nie, nicht f\u00fcr die Soldaten der russischen F\u00f6deration, nicht f\u00fcr die islamistischen Separatisten oder die Moskau-treuen tschetschenischen Milizen. Nur f\u00fcr die Opfer. \u2028\u2028\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Alltag<\/h3>\n<p>Weltbekannte Fotos vom Alltag in Tschetschenien sind entstanden: das Leben der Zivilbev\u00f6lkerung inmitten zerbombter H\u00e4userfassaden, die Zust\u00e4nde in ehemaligen Fl\u00fcchtlingslagern in Inguschetien, in denen er selbst lebte, Kinder, die an den Abschussrohren zur\u00fcckgelassener Panzer klettern. &#8220;Die Leidtragenden sind immer die einfachen Menschen&#8221;, sagt Sadulaev. Er ist 38 Jahre alt und sieht sich als Chronist dieses kriegerischen Konfliktes. Sadulaev will nicht nur, dass &#8220;andere Menschen jetzt diese Bilder sehen sondern auch sp\u00e4tere Generationen&#8221;. Seine Bilder sollen &#8220;einen Anreiz geben, dass Menschen ein klares Nein! zu diesem Krieg sagen.&#8221;\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nBevor er zu fotografieren anfing, arbeitete Sadulaev als Journalist bei der kommunistisch angehauchten Lokalzeitung Der Weg des Kommunismus in Znamenka. Er widmet sich &#8220;hei\u00dfen Themen&#8221; &#8211; den Deportationen unter Stalin, den Grabsteinen, die von sowjetischen Soldaten als Baumaterial verwendet wurden. &#8220;Zu Zeiten Gorbatschows, als das Stichwort Glasnost aufkam, hatten wir die erste M\u00f6glichkeit, ein bisschen von der Wahrheit durchsickern zu lassen.&#8221; Als 1989 bei der Zeitung eine Stelle als Fotograf frei wird, bekommt er sie. Anfang der 90er Jahre beginnen die sogenannten &#8220;lustigen Zeiten&#8221;: Geh\u00e4lter werden f\u00fcr mehr als ein Jahr nicht ausgezahlt. Sadulaev schl\u00e4gt sich mit Portr\u00e4tfotografien in Kinderg\u00e4rten und Schulen durch und hungert. \u2028\u2028\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h3>Andere Bilder<\/h3>\n<p>Als der erste Krieg in Tschetschenien ausbricht, kehrt er zur Reportage zur\u00fcck und lernt schwedische Journalisten kennen. 1995 beginnt seine Zusammenarbeit mit der amerikanischen Nachrichtenagentur AP. Als Ortsans\u00e4ssiger kann er schneller liefern &#8211; &#8220;und auch ganz andere Bilder, als die eingeflogenen Fotografen der Agenturen&#8221;, sagt er heute. \u2028\u2028Von 1999 an schickt Sadulaev t\u00e4glich Fotos aus dem Niemandsland des Krieges an AP. Bei dem Attentat auf Achmad Kadyrow am 9. Mai 2004 kommt auch sein Freund Adlan Chassanow von der britischen Nachrichtenagentur Reuters ums Leben. Sadulaev erh\u00e4lt danach eine Festanstellung bei AP.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nAllt\u00e4gliche Gewaltexzesse, Terroranschl\u00e4ge von beiden Seiten, Todesschwadronen, Entf\u00fchrungen und milit\u00e4rische Auseinandersetzungen, die mit unerbittlicher H\u00e4rte und ohne jede Beachtung des V\u00f6lkerrechts gef\u00fchrt werden, charakterisieren das Leben in Tschetschenien heute. &#8220;Tschetschenien ist ein einziges Problem&#8221;, sagt Sadulaev. F\u00fcr Kriegsberichterstatter existiere keine Garantie. &#8220;Dann musst Du erst einmal beweisen, dass Du kein Kamel bist&#8221;, zitiert Sadulaev ein russisches Sprichwort und erkl\u00e4rt dessen Bedeutung. &#8220;Du wirst mit einer Waffe bedroht und Dir wird gesagt, Du bist ein Kamel. Wenn Du Nein sagst, wirst Du einfach erschossen.&#8221; \u2028\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nNina Schulz\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<h4>Ver\u00f6ffentlichungen:<\/h4>\n<p>Portr\u00e4t <em>Die Bilder des Zeugen<\/em>, S\u00fcddeutsche Zeitung, 27.12.2006, S.19\u2028\u2028<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musa Sadulaev geht gro\u00dfe Risiken ein &#8211; allein durch die Tatsache, in Tschetschenien eine Fotokamera mit einem Film zu besitzen. So wie einmal, als ihn Soldaten der russischen F\u00f6deration festnahmen. 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