{"id":150,"date":"2008-09-22T16:07:01","date_gmt":"2008-09-22T16:07:01","guid":{"rendered":"http:\/\/q-words.net\/?p=150"},"modified":"2011-04-23T17:11:16","modified_gmt":"2011-04-23T17:11:16","slug":"die-grenzenlose-tragodie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/q-words.net\/?p=150","title":{"rendered":"Die grenzenlose Trag\u00f6die"},"content":{"rendered":"<p>\u201eFl\u00fcchtlinge sind die Botschafter globaler Ungerechtigkeiten\u201c findet der italienische Journalist Gabriele del Grande. Ihre Trag\u00f6die im Mittelmeer beschreibt er seinem Buch \u201eMamadous Fahrt in den Tod\u201c. Interview mit Gabriele del Grande.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Was hat Sie veranlasst, monatelang den Routen von Fl\u00fcchtlingen durch Marokko, Mauretanien, Mali, Tunesien, und den Senegal bis in die T\u00fcrkei zu folgen?<\/em><br \/>\nGabriele del Grande: F\u00fcr eine Presseagentur recherchierte ich Opferzahlen von Migranten im Mittelmeer. Die Arbeit fand kein Ende. Und die Zahlen zeigten: Vor der Haust\u00fcr Europas spielt sich eine Trag\u00f6die ab. Und niemand spricht dar\u00fcber. Deswegen initiierte ich die Website Fortress Europe, um die offiziellen Zahlen zu dokumentieren. Aber es geht nicht um Zahlen: Es geht um die Geschichten von Menschen und die Konsequenzen europ\u00e4ischer Migrationspolitiken. Ich wollte namenlosen Fl\u00fcchtlingen ein Gesicht geben. Ein Verleger erm\u00f6glichte mir dann auf die andere Seite des Mittelmeers zu reisen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Wen trafen Sie?<\/em><br \/>\nMenschen, die ihre Verwandten verloren haben. Menschen, die geflohen und in Europa angekommen sind. Und Menschen, die Zeugen von Menschenrechtsverletzungen wurden. Das Buch handelt von ihren Geschichten. Alle Menschen, die mit dem Boot ankommen, sind Botschafter globaler Ungerechtigkeiten. Gleichzeitig sind mehr als 12.500 Migranten und Fl\u00fcchtlinge in den letzten zwanzig Jahren im Mittelmeer ertrunken. Die Frage ist: Wer ist daf\u00fcr verantwortlich? Wir sprechen von einem Massaker, einem Verbrechen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>\u201eZu bleiben w\u00e4re ein langsamer Selbstmord\u201c, sagte Ihnen ein junger Mann in Casablanca. Welchen Risiken sind Fl\u00fcchtlinge ausgesetzt? <\/em><br \/>\nDas kommt auf ihr Herkunftsland an. Einige Fl\u00fcchtlinge \u00fcberqueren das Meer, um ihr Leben zu retten. Andere um \u00fcberhaupt eine Zukunft zu haben. Jeder Mensch hat das Recht zu tr\u00e4umen. Aber wenn ich einen Traum habe, zeige ich meinen Pass und \u00fcberquere Grenzen. Wenn du einen marokkanischen Pass hast und nicht reich bist, kannst du das vergessen. Die Distanz \u00fcber das Mittelmeer ist geographisch gering. Aber: Im Norden verdienst du 1000\u20ac im Monat, im S\u00fcden 100. Im Norden gibt es Demokratien, im S\u00fcden Diktaturen. Europ\u00e4ische Politiken unterst\u00fctzen diese Diktaturen. Es gibt einen objektiven Druck zu migrieren. Und ein Patroullieschiff im Mittelmeer wird die Migration nicht stoppen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n\u2028<em>Die Tausenden von Toten sind als \u201eNebenwirkungen eines von Europa einseitig gegen Migranten erkl\u00e4rten Krieges\u201c bezeichnet worden.<\/em><br \/>\nIn den letzten Jahren sind die Zahlen der Ankommenden gesunken und die Zahlen der Opfer gestiegen. Die Routen der Migration ver\u00e4ndern sich, werden l\u00e4nger und gef\u00e4hrlicher. Das ist eine Konsequenz der sch\u00e4rferen Grenzkontrollen. Dann steuern Fl\u00fcchtlinge ihre Boote selbst, ohne jegliche Erfahrung. Und Fischer retten Migranten in Seenot nicht mehr, weil sie dann wegen Menschenhandels angezeigt werden. Aber internationales Seerecht verpflichtet dazu, Menschen zu retten. Das Mittelmeer entwickelt sich zum Massengrab.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Seit dem 11. September wird Migration zunehmend mit Terrorismus gleichgesetzt.<\/em><br \/>\nIn den offiziellen Dokumenten der EU werden die Bek\u00e4mpfung des Terrorismus und die Bek\u00e4mpfung der Migration in einem Atemzug genannt. Migranten gelten als Sicherheitsbedrohung. Aber mehr als die H\u00e4lfte der Menschen, die \u00fcber das Mittelmeer kommen, sind politische Fl\u00fcchtlinge.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Was ist mit dem Recht auf Asyl?<\/em><br \/>\nIn der Theorie existiert es. In der Praxis nicht, weil die Menschen nicht ankommen k\u00f6nnen. So sinken die Asylantr\u00e4ge von Jahr zu Jahr. Zehntausende sind in unsicheren L\u00e4ndern wie Libyen und Marokko gefangen. Europa will sie von Europa fernhalten. Die Europ\u00e4ische Grenzschutzagentur Frontex sieht nur illegale Migranten.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Dabei leben sie l\u00e4ngst unter uns.<\/em><br \/>\nIn Europa leben mehr als sechs Million Menschen ohne Papiere. Das ist eine wichtige Minderheit ohne Zugang zu Rechten, zu legaler Arbeit, zur Gesundheitsversorgung, ohne Staatsb\u00fcrgerschaft. Sie k\u00f6nnen weder ihre Familien nach Europa bringen noch in ihre Herkunftsl\u00e4nder zur\u00fcck. Europa braucht ihre Arbeitskraft aber gibt ihnen keine Rechte.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Henning Mankell bezeichnet die italienische Insel Lampedusa als die \u201eHauptstadt Europas\u201c wo jeden Morgen tote afrikanische Fl\u00fcchtlinge an Land treiben. \u201eDa zeigt sich das wahre, unmenschliche Gesicht dieses privilegierten Kontinents.\u201c <\/em><br \/>\nEuropa hat unterschiedliche Gesichter. Lampedusa ist ein Schandfleck. Tausende Menschen des globalen S\u00fcdens sterben und es interessiert Niemanden. Wenn nur zehn italienische B\u00fcrger im Meer sterben w\u00fcrden, w\u00e4re das ein internationales Problem. Das andere Gesicht Europas sind die Menschen mit Asyl oder einer Staatsb\u00fcrgerschaft, die arbeiten k\u00f6nnen und versuchen, die Situation zu verbessern. Der wahre Schandfleck Europas sind seine Grenzen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Dennoch scheint eine Autonomie der Migration zu existieren.<\/em><br \/>\nEuropa zerschmettert Tr\u00e4ume, wenn es Menschen gelingt anzukommen. Aber sie brechen auf. Da sie illegal reisen, ist es ein Kampf f\u00fcr die Freiz\u00fcgigkeit, f\u00fcr die Bewegungsfreiheit. Ihr wollt nicht, dass ich komme, aber ich mache mich auf den Weg. Das ist der Punkt. Mit einem europ\u00e4ischen Pass kann man fast \u00fcberall hinreisen. Von Italien nach Tunesien bezahle ich 47\u20ac und muss nur meinen Perso zeigen. Ein Tunesier, der nach Italien m\u00f6chte, muss 2000$ bezahlen und sein Leben auf offener See riskieren. Da l\u00e4uft was falsch.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Gibt es Anlass f\u00fcr Optimismus?<\/em><br \/>\nIm Italienischen gibt es eine Redewendung: Mein Geist ist pessimistisch, aber mein Herz ist optimistisch. Auch wenn es nicht danach aussieht. Es gibt eine Bewegung von Menschen in ganz Europa, die mit allen Kr\u00e4ften versuchen, Etwas zu ver\u00e4ndern. Es ist nicht normal, dass Tausende einfach sterben. Paradox an dem Buch ist, dass es von der Gegenwart handelt. Wenn man von Trag\u00f6dien spricht, spricht man von der Vergangenheit. Wie war das m\u00f6glich, warum hat Niemand etwas getan? Aber das hier ist eine Trag\u00f6die der Gegenwart, sie passiert jetzt gerade. In diesem Moment stirbt jemand an einer der Grenzen. Wir m\u00fcssen das stoppen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nInterview und \u00dcbersetzung aus dem Englischen: Nina Schulz\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nMehr Infos unter: <a href=\"http:\/\/fortresseurope.blogspot.com\/\">http:\/\/fortresseurope.blogspot.com\/<\/a>\n<\/p>\n<h4>Ver\u00f6ffentlichungen:<\/h4>\n<p>Interview <em>Die grenzenlose Trag\u00f6die<\/em>, greenpeace magazin, 5\/08, S.14<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eFl\u00fcchtlinge sind die Botschafter globaler Ungerechtigkeiten\u201c findet der italienische Journalist Gabriele del Grande. Ihre Trag\u00f6die im Mittelmeer beschreibt er seinem Buch \u201eMamadous Fahrt in den Tod\u201c. 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