{"id":109,"date":"2010-06-16T13:49:37","date_gmt":"2010-06-16T13:49:37","guid":{"rendered":"http:\/\/q-words.net\/?p=109"},"modified":"2011-01-31T18:10:31","modified_gmt":"2011-01-31T18:10:31","slug":"mainstream-medien-marginalisieren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/q-words.net\/?p=109","title":{"rendered":"Mainstream-Medien marginalisieren"},"content":{"rendered":"<p>Behind the Mask versteht sich als eine Kommunikationsinitiative zu Lesbi-Schwulen, Transgender und Intersex Themen auf dem afrikanischen Kontinent und existiert seit zehn Jahren. Ihre Mission: Negative Einstellungen gegen\u00fcber Homosexualit\u00e4t und gleichgeschlechtlichen Traditionen auf dem afrikanischen Kontinent zu ver\u00e4ndern. Ihr Mittel: unabh\u00e4ngiger, journalistischer Aktivismus.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nIm B\u00fcro in Johannesburg sind sieben Personen fest angestellt. Aktuell genie\u00dfen zwei Volont\u00e4r_innen dort ein Monatsstipendium. Auf der Website versammeln sich tagesaktuelle Nachrichten, l\u00e4nderspezifische Informationen und Erl\u00e4uterungen zur Gesetzgebung gegen\u00fcber Homosexualit\u00e4t, Hintergrunddossiers zu HIV\/AIDS und Themen der Gesundheitsversorgung, der Situation von Frauen und Menschenrechten genauso wie Veranstaltungsank\u00fcndigungen. Pro Monat verzeichnet die Seite 25.000 so genannte page visits. Ein Interview mit der Leiterin von Behind the Mask, Thuli Madi.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>&#8220;Im ganzen Land ist ein vorsichtiger Optimismus zu versp\u00fcren.\u201c Das steht auf der offiziellen Website der FIFA Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft 2010, deren Gastgeber S\u00fcdafrika ist. Sind Sie auch vorsichtig optimistisch?<\/em><br \/>\nThuli Madi: F\u00fcr unser Land ist das ein historisches Ereignis. Auf dem afrikanischen Kontinent sind wir das erste Land, das Gastgeber einer Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft ist. F\u00fcr uns als B\u00fcrger_innen ist das eine gro\u00dfe Sache und wir sind ebenso gl\u00fccklich wie stolz.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>S\u00fcdafrika ist der erste Staat der Welt gewesen, dessen Verfassung explizit die Diskriminierung auf der Basis sexueller Orientierung verbietet. Aber einige Kritiker_innen weisen darauf hin, dass formelle Rechte in S\u00fcdafrika nur ein weiteres wei\u00dfes, m\u00e4nnliches, Mittelklasse-Projekt sind. Privilegien k\u00e4men nur einer Minderheit zugute, w\u00e4hrend die Rechte f\u00fcr eine Mehrheit nur auf dem Papier existierten.<\/em><br \/>\nDem stimme ich nicht zu. Alle races homosexueller Menschen in S\u00fcdafrika sind mit der Verfassung gl\u00fccklich, die gleichgeschlechtliche Beziehungen anerkennt. Aber wir sind total ungl\u00fccklich \u00fcber die Situation, dass Dienstleister wie die Polizei und Personen im Gesundheitsbereich nicht dazu ausgebildet worden sind, wie sie unsere Rechte vor homophoben, gewaltt\u00e4tigen Akten sch\u00fctzen. Und deswegen sind die erk\u00e4mpften Rechte \u00fcberhaupt nicht von Vorteil. Wir sind absolut entt\u00e4uscht dar\u00fcber, dass der Staat diesen Basisbedarf nicht abdeckt. Gleichgeschlechtliche Verpartnerungen werden eher von wei\u00dfen homosexuellen Personen als Priorit\u00e4t gesehen als von deren Schwarzen Gegen\u00fcber. Die haben einen anderen dringenden Bedarf zum Beispiel in Bezug auf Armut und Arbeitslosigkeit. Das bedeutet allerdings nicht, dass Schwarze homosexuelle Menschen nicht das Recht genie\u00dfen, zu heiraten und Familien zu gr\u00fcnden, das tun sie n\u00e4mlich.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Vor zehn Jahren habt Ihr \u201eBehind the Mask\u201c gegr\u00fcndet. Was bedeutet Euer Name? <\/em><br \/>\nDer Gr\u00fcnder unserer Organisation, Bart Luirink, ein niederl\u00e4ndischer Journalist hat es ausgew\u00e4hlt, um Menschen zu beschreiben, die eine L\u00fcge leben \u2013 zumindest was ihre sexuelle Orientierung angeht. Als er in den sp\u00e4ten 1990er Jahren durch verschiedene Gegenden des afrikanischen Kontinents reiste, traf er viele homosexuelle Menschen, die ein heterosexuelles Leben lebten. Aus Angst schikaniert zu werden, wenn sie ihre sexuelle Orientierung offen legten. Homosexualit\u00e4t wird in vielen Regionen des afrikanischen Kontinents immer noch als unAfrikanisch und westliches Konzept angesehen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Unabh\u00e4ngigen journalistischen Aktivismus seht Ihr als eines Eurer Kampagneninstrumente an.<\/em><br \/>\nDas beinhaltet die journalistische Berichterstattung \u00fcber Nachrichten und Ereignisse, die LGBTI Personen auf dem Kontinent betreffen. Unser Team aus organisationsinternen Journalist_innen ist f\u00fcr die Berichterstattung dieser Nachrichten verantwortlich, genauso wie unsere ausgebildeten Korrespondenten in verschiedenen Regionen Afrikas. Sie sind die Augen und Ohren von Behind the Mask, weil wir nicht \u00fcberall auf dem Kontinent pr\u00e4sent sein k\u00f6nnen. Diese Ausbildung ist Teil unseres  journalistischen Ausbildungsprojekts, in dessen Rahmen wir aktive LGBTI Personen in verschiedenen L\u00e4ndern ausfindig machen. Dann bringen wir ihnen Grundlagen des journalistischen Handwerks bei, so dass sie \u00fcber die Ereignisse berichten k\u00f6nnen, die ihr t\u00e4gliches Leben ausmachen.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Ereignisse, die in den etablierten Nachrichten nicht auftauchen?<\/em><br \/>\nMainstream Medien haben LGBTI Personen bisher marginalisiert. \u00dcber ihre Nachrichten wurde \u00fcberhaupt nicht berichtet. Das wenige, was berichtet wurde, hat sich haupts\u00e4chlich auf Skandale konzentriert und die LGBTI Community meistens misrepr\u00e4sentiert. Deswegen haben wir in letzter Zeit damit angefangen, ganz gew\u00f6hnliche Mitglieder der Gesellschaft, meistens LGBTI Personen, als B\u00fcrger_innenjournalisten (citizen journalists) auszubilden. Damit sie bef\u00e4higt werden, Geschichten \u00f6ffentlich zu machen, die LGBTI Personen in den jeweiligen Regionen S\u00fcdafrikas betreffen. Und damit sie die Vorteile der neuen Medien nutzen, um sich Geh\u00f6r zu verschaffen. Diese Ausbildung gew\u00f6hnlicher B\u00fcrger_innen ist ein Teil unseres Projekts B\u00fcrgerjournalismus in Afrika.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Was ist Ziel Eurer Nachrichten?<\/em><br \/>\nZu informieren, weiterzubilden, das Bewusstsein zu sch\u00e4rfen und Autorit\u00e4ten in die Verantwortung zu nehmen, was die Frage nach LGBTI Rechten angeht. Je informierter Menschen sind, umso eher werden sie erm\u00e4chtigt, fundierte Entscheidungen zu treffen, wie sie sich LGBTI Menschen gegen\u00fcber verhalten sollen. So haben sie gelernt, dass LGBTI Personen keine Monster sondern Menschen sind, wie alle andere auch. Au\u00dferdem glauben wir, unsere unabl\u00e4ssigen Forderungen nach Kommentaren von politischen Entscheidungstr\u00e4gern und anderen Autorit\u00e4ten tragen dazu bei, das Bewusstsein zu sch\u00e4rfen, was sich hoffentlich auf Ver\u00e4nderungen in der Politik auswirkt.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Demontieren oder propagieren Mainstream-Medien auf dem afrikanischen Kontinent den Mythos \u201eHomosexualit\u00e4t ist unAfrikanisch\u201c?<\/em><br \/>\nIn den meisten L\u00e4ndern geh\u00f6ren die Medienh\u00e4user dem Staat. Da Homosexualit\u00e4t in diesen L\u00e4ndern illegal ist, sind institutionalisierte Medien eher abgeneigt \u00fcber LGBTI Nachrichten zu berichten. Au\u00dfer in den F\u00e4llen, in denen sie Homosexualit\u00e4t als unAfrikanisch, unmoralisch oder gottlos portr\u00e4tieren. Au\u00dferdem ist es schwer zu sagen, welche Rolle die Medien spielen. Oft sind Journalist_innen leere H\u00fclsen, die nur dar\u00fcber berichten, was gesagt wurde ohne ihre eigene Meinung kund zu tun. S\u00fcdafrika ist eine Ausnahme. Hier entwickeln sich die Medien langsam dahin, fair \u00fcber LGBTI Themen zu berichten. Nichtsdestotrotz machen die Medien in L\u00e4ndern wie Uganda weiter, LGBTI Personen durch Hassbotschaften (hate speech) zu drangsalieren. Das schlimmste Beispiel ist Ugandas Boulevardzeitung \u201eThe Red Pepper\u201c. Dort werden j\u00e4hrlich die Namen, Adressen und Telefonnummern von Personen ver\u00f6ffentlicht, die als LGBTI verd\u00e4chtigt werden. Das setzt die Individuen der Gefahr aus, Opfer von Gewalt durch homophobe Mitglieder der Gesellschaft zu werden und richtet eine Stimatisierung an.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Das naming and shaming ist staatlich abgesichert?<\/em><br \/>\nMeiner Meinung nach ist es Zeit, die Mediengesetzgebung zu \u00fcberdenken. Denn im Fall von \u201eThe Red Pepper\u201c ist das naming and shaming von LGBTI Personen kein Unrecht. Paragraf 7.2. des journalistischen Ethikkodexes des Unabh\u00e4ngigen Medienrats Ugandas besagt: \u201eVer\u00f6ffentlichungen \u00fcber das private Leben von Individuen, ohne ihre Zustimmung, sind nicht zul\u00e4ssig. Au\u00dfer dort, wo das \u00f6ffentliche Interesse das Recht auf Privatsph\u00e4re au\u00dfer Kraft setzt.\u201c Das ist in vielen anderen L\u00e4ndern der Fall, weil die Mediengesetzgebung universal ist.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Was setzt Ihr dieser Berichterstattung entgegen?<\/em><br \/>\nDie Neuen Medien haben viel dazu beigetragen, den Stimmen der Minderheiten Geh\u00f6r zu verschaffen. F\u00fcr diese Stimmen sind Websites, Blogs und soziale Netzwerke wichtige Plattformen. Mithilfe der neuen Medieninstrumente k\u00f6nnen wir die unterschiedlichen Seiten in der Erz\u00e4hlung \u00fcber Homosexualit\u00e4t aufzeigen, Homophobie anprangern. Und Missverst\u00e4ndnisse aus dem Weg r\u00e4umen: denn Lesbe zu sein, l\u00e4sst eine nicht weniger Frau sein und ein schwuler Mann zu sein, l\u00e4sst einen nicht weniger Mann sein. Mitbestimmung pr\u00e4gt die Neuen Medien. So k\u00f6nnen andere aus der Gesellschaft ihren Beitrag zu den Themen beisteuern, die sie betreffen. Das ist in den traditionellen Medien nicht passiert. Die haben nur Ideen ausgeteilt. Gew\u00f6hnliche Menschen hatten nur geringe M\u00f6glichkeiten ihre Meinung zu \u00e4u\u00dfern.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Homosexualit\u00e4t wird oft als Bedrohung einer Nation angesehen: ihrer Intaktheit, ihrer Familien und religi\u00f6sen Werte. Wie stark werden anti-homosexuelle Stimmungen in einem nationalistischen Diskurs post-kolonialer Staaten auf dem afrikanischen Kontinent mobilisiert?<\/em><br \/>\nMomentan k\u00f6nnen wir einen Anstieg religi\u00f6ser Fundamentalisten beobachten. Die laufen Sturm, wenn es um die Frage der Homosexualit\u00e4t geht. Das entwickelt sich in den meisten afrikanischen Staaten, wie zum Beispiel Uganda, Kenia und Sambia als Trend. Dazu gibt es auf unserer Website etliche Artikel. Viele Pr\u00e4sidenten haben hasserf\u00fcllte Bemerkungen \u00fcber homosexuelle Handlungen gemacht und dar\u00fcber wie strafw\u00fcrdig sie seien. Ein gleichgeschlechtliches Paar ist in Malawi verhaftet worden, weil sie in ihrem Dorf eine Verlobungszeremonie abgehalten haben. Dann sind sie zu 14 Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt worden. Schlie\u00dflich unterlag der Pr\u00e4sident dem Druck internationaler Menschenrechtsstrukturen sie freizulassen, weil ihre Verhaftung ihr Menschenrecht verletzt hat. Ende Mai ist die Polizei in das B\u00fcro der Gay and Lesbians of Zimbabwe (GALZ) eingebrochen &#8211; in der Hoffnung dort Drogen und Pornografie zu finden. Zwei Mitglieder sind verhaftet und die Computer beschlagnahmt worden, obwohl keine Drogen gefunden wurden. Es existiert der starke Verdacht, dass das ein Akt von Homophobie in reinster Form in Zimbabwe ist.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Beziehungen zwischen M\u00e4nnern sind in 36 afrikanischen Staaten illegal, legal in 17, in 2 L\u00e4ndern ist der legale Status nicht bekannt. S\u00fcdafrika ist mit seiner Verfassung eine Ausnahme. Was sind Deiner Meinung nach die Priorit\u00e4ten auf einer LGBTI Agenda auf dem afrikanischen Kontinent?<\/em><br \/>\nZu diesem Zeitpunkt sind den meisten legale Reformen durch den Prozess der Afrikanischen Kommission am wichtigsten.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>W\u00e4hrend homosexuelle Aktivisten und Aktivistinnen zu Beginn der 1990er Jahre an der Speerspitze der HIV\/AIDS Bewegung waren, besonders die Treatment Action Campaign (TAC), wirkt die AIDS Erziehung in S\u00fcdafrika heute fast dehomosexualisiert. Euer B\u00fcro hat sich bestimmten Politiken verschrieben, die den Zugang zu nicht-diskriminierender Gesundheitsversorgung erlauben. Aber ist HIV\/AIDS heute noch ein dringendes Thema auf der LGBTI Agenda? <\/em><br \/>\nDas ist es immer noch. Viele Homosexuelle aller Herk\u00fcnfte werden weiterhin infiziert und HIV bestimmt ihren Alltag. Erst wenn es eine Heilung f\u00fcr diese Krankheit gibt, wird sie aufh\u00f6ren eine Priorit\u00e4t zu sein.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n<em>Was w\u00fcnscht Ihr Euch f\u00fcr die Zukunft?<\/em><br \/>\nIm Lotto zu gewinnen. O.k., das war ein Scherz. Neben vielem, dass Menschenrechte, W\u00fcrde und Respekt nicht nur homosexuellen Menschen sondern allen gew\u00e4hrt werden \u2013 als Menschen sollten wir lernen unsere Unterschiede begeistert anzunehmen, einander zu lieben und in Frieden zu leben. Diese Welt, so gestaltet, w\u00e4re ein besserer Ort.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nInterview und \u00dcbersetzung aus dem Englischen: Nina Schulz\n<\/p>\n<h4>Ver\u00f6ffentlichungen:<\/h4>\n<p>Interview <em>Mainstreammedien marginalisieren<\/em>, analyse&#038;kritik, 18.06.2010, S.28<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Behind the Mask versteht sich als eine Kommunikationsinitiative zu Lesbi-Schwulen, Transgender und Intersex Themen auf dem afrikanischen Kontinent und existiert seit zehn Jahren. Ihre Mission: Negative Einstellungen gegen\u00fcber Homosexualit\u00e4t und gleichgeschlechtlichen Traditionen auf dem afrikanischen Kontinent zu ver\u00e4ndern. 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