{"id":102,"date":"2010-05-25T17:31:45","date_gmt":"2010-05-25T17:31:45","guid":{"rendered":"http:\/\/q-words.net\/?p=102"},"modified":"2011-01-31T18:17:37","modified_gmt":"2011-01-31T18:17:37","slug":"die-ausloser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/q-words.net\/?p=102","title":{"rendered":"Die Ausl\u00f6ser"},"content":{"rendered":"<p>Ob es um eine Demonstration gegen die Grenzmauer geht, ein Gerichtsverfahren gegen pal\u00e4stinensische Aktivisten, die Situation sudanesischer Fl\u00fcchtlinge oder Paraden f\u00fcr LGBT-Rechte: das Fotografen-Kollektiv ActiveStills ist vor Ort, inmitten des Geschehens.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nIdyllisch wirkt die Momentaufnahme, fast friedlich. Wei\u00dfe und pinkfarbene Blumen ums\u00e4umen den Plastikrasen einer Verkehrsinsel, aus deren Mitte ein alter Olivenbaum ragt. Im Hintergrund schmiegen sich sandfarbene, mehrst\u00f6ckige H\u00e4user an einen H\u00fcgel. W\u00e4ren da nicht die grauen, meterhohen Betonstreben der Grenzmauer. Hinter der Mauer liegt das pal\u00e4stinensische Dorf Anata, im Westjordanland nahe Jerusalem. Vor der Mauer die israelische Siedlung Pisgat Ze\u00b4ev.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n\u201eDas ist eines meiner Lieblingsbilder\u201c, sagt Oren Ziv, Mitglied des Fotografenkollektivs ActiveStills aus Israel. \u201eEs ist sehr symbolisch. Alle Aspekte des Konflikts spiegeln sich darin wieder. Aber es ist statisch. Dort sind keine Soldaten zu sehen, die auf Menschen schie\u00dfen\u201c, kommentiert er mit einem verhaltenen L\u00e4cheln und bindet seine schulterlangen Haare zusammen. Ansonsten ist die Arbeit von ActiveStills alles andere als statisch. Ihr Name ist Programm. \u201eWir sind professionelle Fotografen und nutzen das Mittel der Fotografie als eine Form des Aktivismus. Mit unserer Fotografie versuchen wir, Dinge zu ver\u00e4ndern. An objektive Fotografie glauben wir nicht\u201c, erkl\u00e4rt Oren selbstbewusst und lehnt sich auf einem Sofa, das auch schon bessere Tage gesehen hat, nach vorn. Oren Ziv und Yotam Ronen sind gerade in ihre Wohnung in einem belebten Stadtteil Tel Avivs zur\u00fcckgekehrt. Sie waren im Negev, um die Lebenssituation der Beduinen in deren nicht anerkannten Siedlungen fotografisch festzuhalten.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nOb es um eine Demonstration gegen die Grenzmauer geht, ein Gerichtsverfahren gegen pal\u00e4stinensische Aktivisten, die Situation sudanesischer Fl\u00fcchtlinge oder Paraden f\u00fcr LGBT-Rechte: ActiveStills sind vor Ort, inmitten des Geschehens. \u201eWenn Grundrechte verletzt werden, versuchen wir dar\u00fcber zu berichten. Das ist unser Akt, Rechtsverletzungen zu zeigen\u201c, informiert Yotam Ronen. Er tr\u00e4gt kurzes dunkles Haar und Kotletten. \u201eSo m\u00f6chten wir Menschen zum Handeln auffordern, zur Unterst\u00fctzung der Unterdr\u00fcckten.\u201c\n<\/p>\n<h3>Anf\u00e4nge in Bil\u00b4in<\/h3>\n<p>Angefangen hat alles in dem kleinen Dorf Bil\u00b4in in der Westbank 2005. Jeden Freitag treffen sich dort Aktivisten aus aller Welt, um gegen den Grenzzaun zu demonstrieren. Der trennt der mehr als 60 Prozent des Ackerlands, das \u00fcberwiegend mit Olivenb\u00e4umen bepflanzt ist, von seinen Bewohnern ab. Bil\u00b4in wurde zum Symbol f\u00fcr den Protest gegen die Grenzmauer. \u201eDort haben wir uns getroffen. Und dort entstand die Idee f\u00fcr ein unabh\u00e4ngiges Kollektiv f\u00fcr Dokumentarfotografie\u201c, erl\u00e4utert Yotam. Elf Fotografen und Fotografinnen zwischen 20- und 35 Jahren, aus Israel, Argentinien und Frankreich, die in Tel Aviv, Bethlehem und Jerusalem leben, sind heute Mitarbeitende des Kollektivs. Au\u00dferdem kooperieren ActiveStills mit einer pal\u00e4stinensischen Fotografin aus dem Gaza-Streifen.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\n\u201eWir sehen uns als Teil der verschiedenen K\u00e4mpfe und versuchen sie mit Hilfe der Fotografie zu unterst\u00fctzen.\u201c So beschreibt Oren den Ansatz von ActiveStills. \u201e\u00dcber viele Proteste wird in den etablierten Medien nicht berichtet\u201c, sagt er. F\u00fcr das Kollektiv bedeutet das zweierlei: \u201eAuf der einen Seite dokumentieren wir die t\u00e4glichen Demonstrationen, Aktionen oder Proteste. Und dann widmen wir uns anderen Themen. Vielleicht findet in dem Zusammenhang noch kein t\u00e4glicher Protest statt, aber wir gehen dorthin und dokumentieren das Thema. Entweder weil wir denken, dass dort ein Protest starten sollte oder weil wir der Meinung sind, dass Menschen auf das, was dort passiert, aufmerksam gemacht werden sollten\u201c, legt Oren dar.\n<\/p>\n<h3>Stra\u00dfen-Ausstellungen<\/h3>\n<p>In der Auseinandersetzung um Aufmerksamkeiten f\u00fcr bekannte und unbekannte Proteste und Probleme sind ActiveStills kreativ. Sie tragen die Demonstrationen von der Stra\u00dfe zur\u00fcck in die Stra\u00dfe. Sie plakatieren: Ihre Bilder finden sich an Mauern, Hausw\u00e4nden und Geb\u00e4uden im \u00f6ffentlichen Raum. Auch f\u00fcr die Stra\u00dfen-Ausstellungen war Bil\u00b4in der Ausl\u00f6ser. Zwar konnten ActiveStills ihre Arbeiten zu Bil\u00b4in in einer Galerie in Tel Aviv aush\u00e4ngen, \u201eaber wer besucht eine Ausstellung noch nach der Er\u00f6ffnung\u201c, fragt Yotam selbstkritisch. So werde nur ein bestimmtes Publikum erreicht. Au\u00dferdem seien solche Ausstellungen immer kostspielig. \u201eF\u00fcr das gleiche Geld k\u00f6nnen wir zahlreiche, gute Laserausdrucke in Farbe machen und sie \u00f6ffentlich plakatieren. Ohne offizielle Genehmigung, versteht sich. Das machen wir nachts\u201c, berichtet Yotam grinsend. Die Fotografinnen und Fotografen wollen direkt mit der \u00d6ffentlichkeit kommunizieren. \u201eMenschen m\u00fcssen es einfach sehen. Und dann reagieren sie. Einige rei\u00dfen die Fotos ab, zerkratzen sie oder schreiben etwas darauf. Das sind f\u00fcr uns Kommentare unserer Arbeit. Die Fotos aus den milit\u00e4risch besetzten Gebieten werden schnell abgerissen. Am l\u00e4ngsten haben die Fotos zur Situation der sudanesischen Fl\u00fcchtlinge in Israel gehangen\u201c, schildert Yotam.<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nAuch das Internet spielt eine wichtige Rolle in der Arbeit von ActiveStills. \u201eWir versuchen t\u00e4glich im Internet zu ver\u00f6ffentlichen, bevor Prozesse zu Ende gehen. Viele machen Dokumentationen, die erst ein Jahr sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlicht werden, wenn die Menschen bereits von ihrem Land vertrieben wurden oder der Zaun fertig gestellt ist\u201c, so Oren. ActiveStills ist es wichtig, Vorg\u00e4nge zu beeinflussen, w\u00e4hrend sie stattfinden.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nObwohl sich ActiveStills auf alternative Verbreitungsformen konzentrieren und ihre Bilder auch NGOs zur Verf\u00fcgung stellen, erkennen sie die Macht der Mainstream-Medien an. Schlie\u00dflich arbeitet ein Teil des Kollektivs f\u00fcr die etablierte Presse. \u201eIn Israel sehen Aktivisten die Medien anders als in Europa. Hier wird die Presse zu Aktionen eingeladen F\u00fcr pal\u00e4stinensische Aktivisten ist es besonders wichtig, dass Kameras vor Ort sind. Manchmal bedeutet das weniger Gewalt von Seiten der israelischen Armee\u201c, sagt Oren. Und manchmal sind ActiveStills auch Verbindungsglied. \u201eWenn es um geheime Aktionen geht, werden wir angerufen\u201c, gibt Yotam preis. \u201eAber viele Agenturen sch\u00e4tzen es nicht, dass wir Fotografie als ein politisches Mittel sehen und nicht nur als \u00f6konomisches oder k\u00fcnstlerisches\u201c, f\u00fcgt er hinzu.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nSelbst an Demonstrationen teilzunehmen ist nicht immer ungef\u00e4hrlich. \u201eMitglieder unserer Kollektivs sind verhaftet und verletzt worden\u201c, erl\u00e4utert Yotam. Damit seien in der Westbank und den milit\u00e4risch besetzten Gebieten alle Fotografen konfrontiert, besonders die Pal\u00e4stinensischen. Auf dem Regal hinter ihm liegt eine Gasmaske. \u201eDie brauchen wir tats\u00e4chlich. Wenn die Armee Tr\u00e4nengas verspr\u00fcht, kannst du kaum noch atmen\u201c, erz\u00e4hlt er und greift sich an den Hals, \u201egeschweige denn fotografieren.\u201c\n<\/p>\n<h3>Visionen<\/h3>\n<p>In den t\u00e4glichen Herausforderungen haben ActiveStills eine Vision: \u201eUns ist es wichtig eine Verbindung zwischen Pal\u00e4stinensern und Israelis herzustellen. T\u00e4glich. Nicht nur als Fotografen sondern auch als Aktivisten. Vor einigen Jahren war es nicht \u00fcblich, dass Israelis sich mit Pal\u00e4stinensern zusammen tun und von der pal\u00e4stinensischen Seite kommen, um gegen die Teilung zu protestieren. So hoffen wir ein wenig die Abgrenzungspolitiken bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen\u201c, erkl\u00e4rt Oren.  <\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nMitte M\u00e4rz sprach die israelische Regierung ein Demonstrationsverbot f\u00fcr Bil\u00b4in aus. ActiveStills sind trotzdem wieder vor Ort und dr\u00fccken auf die Ausl\u00f6ser.\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nNina Schulz\n<\/p>\n<p style=\"margin-top:12px;\">\nMehr Infos unter: <a href=\"http:\/\/www.activestills.org\/\">www.activestills.org\/<\/a><br \/>\nund <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/activestills\/\">www.flickr.com\/photos\/activestills\/<\/a>\n<\/p>\n<h4>Ver\u00f6ffentlichungen:<\/h4>\n<p>Artikel <em>Die Ausl\u00f6ser<\/em>, amnesty journal, Juni 2010, S.70-71<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob es um eine Demonstration gegen die Grenzmauer geht, ein Gerichtsverfahren gegen pal\u00e4stinensische Aktivisten, die Situation sudanesischer Fl\u00fcchtlinge oder Paraden f\u00fcr LGBT-Rechte: das Fotografen-Kollektiv ActiveStills ist vor Ort, inmitten des Geschehens.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[8],"tags":[17,13],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102"}],"collection":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=102"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":293,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/102\/revisions\/293"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=102"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=102"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/q-words.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=102"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}